Folge 01 – Die verhinderte Soziologie

Shownotes

In der ersten Folge spricht Christina Caprez mit Patrick Ziltener, der die Geschichte des SUZ recherchiert hat. Wir lernen die tragische Geschichte von Abroteles Eleutheropulos kennen, einen Privatdozenten aus Konstantinopel, der als Flüchtling Ende des 19. Jahrhunderts nach Zürich kam und hier über 40 Jahre lang soziologische Vorlesungen hielt. Ein zweiter Soziologe, René König, tritt 1937 in die Fussstapfen von Eleutheropulos. Er flieht vor Hitler nach Zürich, baut rasch eine Fangemeinde unter den Studierenden auf und hat Kontakte zum Bundesrat und zur UNESCO. Dennoch wird er von Fakultät und Kanton verschmäht und erhält keine eigene Professur. Er geht nach Köln, wo er die Nachkriegssoziologie neubegründet. Für Zürich eine verpasste Chance – aber auch ein Symptom für ein Land, das sein Selbstbild nicht durch soziologische Aufklärung zerstören wollte.

Ein Podcast im Auftrag des SUZ, des Soziologischen Instituts der Uni Zürich. Recherche, Produktion und Moderation: Christina Caprez. Mastering und Sounddesign: Christina Baron. Dramaturgische Beratung: Franziska Engelhardt.

Germann, Pascal. 2016. Laboratorien der Vererbung: Rassenforschung und Humangenetik in der Schweiz, 1900-1970. Wallstein Verlag. https://www.wallstein-verlag.de/9783835319509-laboratorien-der-vererbung.html. König, René, Klaus Sander, Oliver König, Eberhard Illner, und Jürgen Elias. 2006. Ich bin Weltbürger: Originaltonaufnahmen 1954-1980. 1. Aufl. Supposé. https://swisscovery.slsp.ch/permalink/41SLSP_NETWORK/ck7c0t/alma991048597519705501. Millard, Natalie. o. J. «Die Julius-Klaus-Stiftung für Anthropologie und Rassenhygienie». Medizinhistorisches Zürich. Zugegriffen 4. September 2026. https://dlf.uzh.ch/sites/medizingeschichte/die-julius-klaus-stiftung-fuer-anthropologie-und-rassenhygienik/. Zürcher, Markus. 1995. Unterbrochene Tradition: die Anfänge der Soziologie in der Schweiz. Chronos-Verl.

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00:00:03: Es kommt bei mir, wenn ich jetzt hier so stehe viel Geschichte und Biografie auf.

00:00:11: Ich hatte eigentlich die klare Vorstellung, dass sich die Welt verändern will.

00:00:16: Ich bin Christina Caprez, habe Soziologie in Zürich studiert und bin seither als Journalistin unter Arturin unterwegs.

00:00:23: Soziologin nenne mich immer noch – und zwar nicht stolz!

00:00:27: Für mich ist Soziologie das Fach, was erklärt, was die Welt im Innersten zusammenhält.

00:00:32: Und irgendwie ... Ja, ich hatte sehr Freude am Forschen und an solchen Zusammenhängen, Erarbeiten entdecken.

00:00:41: Für diesen Podcast habe ich eindutzend Menschen getroffen, die in Zürich Soziologie studiert haben wie ich.

00:00:47: Menschen, die danach in die Forschung gegangen sind oder auch ganz woanders hin.

00:00:51: Ich war ja stolz darauf, dass ich dieses Studium mit diesem guten Abschluss in der Tasche hatte trotzdem zu merken und es wartet aber niemand auf dich.

00:01:01: Nein, das ist auf diese Menschen die Welt verändern!

00:01:06: Und ich

00:01:06: verändere

00:01:07: gar nicht sich

00:01:08: beschreibe

00:01:08: nur.".

00:01:11: In sieben Folgen tauche ich zusammen mit meinen Interviewgästen tief in die Geschichte des Soziologischen Instituts ein.

00:01:18: Wir hören von den steinigen Anfängen.

00:01:20: Es gab einflussreiche Personen in Politik und in den Medien diese Art von Forschung ablehnten und das als unschweizerisch empfanden.

00:01:30: Wir erleben die Aufbruchsstimmung in der Gründungsphase.

00:01:32: Und dann habe ich in den ersten sechs Jahren angefangen mit dem Studium seiner Zeit, wo wirklich die Jugendbewegungen extrem stark wurden.

00:01:40: Und so ein Logosinstitut war im Mitten des Ganzen.

00:01:44: Wir erfahren wie viel Durchhaltewillen es für manche brauchte.

00:01:47: Da gab's noch eine andere Frau, die Professorin bei der Architektur – und sonst nirgends!

00:01:54: Und wir fragen, was die Soziologie uns heute zu sagen hat.

00:01:58: Gerade eben jetzt in solchen Zeiten wie jetzt kommt mir das Studium immer wieder mehr in den Sinn.

00:02:04: Aber halt!

00:02:05: Erst seit neunzehnhundertsechzig gibt es die Fachrichtung Soziologie in Zürich.

00:02:10: so spät?

00:02:11: Wenn ich in meinem Bekanntenkreis erzähle dass ich einen Podcast über sechzig Jahre Soziologee in Zyrich mache dann sind alle erstaunt.

00:02:22: Mitte der Sechzigerjahre kommt das Farbfernsehen auf.

00:02:25: Die USA und die Sowjetunion liefern sich ein Wettrennen zum Mond.

00:02:29: Und auch die Schweiz hat ihre Beatles, sie heißen Sozerell... ...und machte neunzehnhundertsechzig mit dem Lied Janet Furore.

00:02:42: Der Begriff Soziologie war neunzenthundert sechzig schon über hundertfünfzig Jahre alt.

00:02:50: Er taucht in einem Buch von August Comte im Jahr eighteenhundertzwanzig das erste Mal auf.

00:02:55: Um nineteenhundert entwickelten Emil Dürkheim und Max Weber die Soziologie dann als eigenständiges Fach.

00:03:03: In den Jahrzehnten danach entstanden Lehrstühle an verschiedenen Universitäten Europas und wurden ein selbstverständlicher Teil von Forschung und Lehre – nur nicht in Zürich.

00:03:13: Ja, es ist wirklich eine unglaubliche Diskrepanz zwischen diesem Versuch, eine globale Soziologie in Züri zu verankern und dem hartnäckigen Widerstand seitens der politischen Behörden.

00:03:23: Und zwar nicht noch von rechts oder links bis rechts!

00:03:27: Die Stimme hier das ist Patrick Zildner.

00:03:29: Ich bin Titularprofessor für Soziologie im Sozologischen Institut der Universität Zürich.

00:03:34: Ich nenne Patrick aber insgeheim den Nerd und das ist liebevoll gemeint.

00:03:39: Er hatte die Idee zu diesem Podcast, hat sich in die Institutsgeschichte eingegraben und dabei unglaublich spannende Geschichten entdeckt.

00:03:49: Das ist Weltenblick, Sechzig Jahre Soziologie in Zürch.

00:03:54: Folge eins – Die verhinderte Sozoologie!

00:04:04: In dem nüchternen Hochhaus suchen wir uns den gemütlichsten Ort aus, den Raum des Soziologischen Fachvereins SOFA.

00:04:11: Hier haben die Studierenden SOFAS aufgestellt.

00:04:15: An den Wänden hängen Partyplakate und Flyer, die zum Klimastreik und zur Teilnahme an einer sozoologischen Studie aufrufen.

00:04:22: In einer Ecke stehen Mathe-Büchsen.

00:04:25: Ich stelle hier mal ein...

00:04:28: Psychologen will ich jetzt auf der Couch liegen!

00:04:34: Wir setzen uns aber nicht auf die Couch, sondern an den Tisch.

00:04:37: Zwischen uns mein Aufnahmegerät und Patrick fängt an von seinen Recherchen zu erzählen.

00:04:43: Erste Überraschung?

00:04:44: Die Geschichte der Soziologie in Zürich fängt weit vor der Institutsgründung an – nämlich schon um nineteenhundert!

00:04:53: nennen muss.

00:04:54: Das ist Abroteles aeleuteropulos, geboren in der Eighth und Seventy-Siebzig, gestorben in der Ninete und Sechze, da er sozoologische Vorlesung gehalten hat auch seinem Buch Soziologie in den Neunzenthundert Jahren veröffentlicht hat.

00:05:08: damit fängt Soziologi eigentlich

00:05:10: an.".

00:05:10: Also mehr als sechszig Jahre vor der Gründung des Instituts?

00:05:14: Abroteles aeleuteropulus – ein klingender Name.

00:05:18: Ich will mir über ihn erfahren und fange selber an zu recherchieren im Bibliotheken und Archiven, und stoße auf ein Buch.

00:05:25: Es heißt unterbrochene Traditionen und geschrieben hat es der Historiker Markus Zürcher.

00:05:33: Die Geschichte von Abroteles Eleuteropoulos ist tragisch und hätte eine eigene Podcastfolge verdient – hier nur ein paar Eckdaten.

00:05:41: Eleuteropolos war in Grieche aus Konstantinople also dem heutigen Istanbul.

00:05:47: Er kam als Flüchtling über Deutschland nach Zürich und hielt hier über vierzig Jahre lang soziologische Vorlesungen von eighteenhunderts, siebenundneunzig bis neunzehnhundertdreißig.

00:05:58: Als Privatozent lebte er am Rande der Armut und versuchte mehrmals eine Professur zu bekommen – doch die philosophische Fakultät lehnte jedes Mal ab!

00:06:07: Es hieß, die Soziologie sei noch kein eigenes Fach oder noch schlimmer, sie stehe dem Sozialismus nahe.

00:06:13: das höre man ja schon im Namen.

00:06:17: Ab Rotel es erläutte.

00:06:18: Ropoulos ging schließlich ernüchtert nach Griechenland wurde als Staatsfeind verhaftet, entkam um ein Haar der Verbanung in einen Konzentrationslager und starb Jahre später komplett verarmt.

00:06:33: Als Abroteles Eloi Téropoulos die Schweiz verlässt, tritt ein anderer Flüchtlinge seine Fußstopfen – und der wird zur zentralen Figur für die Soziologie in Zürich.

00:06:45: Eine König kam als Immigrant, in den siebenunddreißig nach Zürch.

00:06:50: Einer von vielen, viele deutsche Immigranten kamen nach Züricht berühmt, das ist natürlich Thomas Mann Aber auch viele Wissenschaftler, Wissenschaftlern mit jüdischem Hintergrund einerseits aber auch überzeugte Demokraten und Sozialisten die Deutschland verließen.

00:07:05: In der Bibliothek des Soziologischen Instituts finde ich eine CD – Mit Originaltonaufnahmen von Röne König.

00:07:12: Ein wahrer Schatz.

00:07:14: Es gibt einen alten Spruch Der heißt einmal emigrant immer emigran.

00:07:19: Wenn man sich einmal herausgerissen hat aus Verhältnissen, in denen man sehr lange gelebt hat.

00:07:26: Dann ist man anders als vorher.

00:07:29: Man ist unabhängiger!

00:07:31: Man

00:07:32: schwebt auch über seinen eigenen Vorurteilen.

00:07:35: René König spricht aus Erfahrung – er hat schon einmal alles hinter sich lassen müssen.

00:07:40: Als Sohn eines deutschen Vaters und einer französischen Mutter verbringt er seine frühe Kindheit in Paris.

00:07:45: Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist König acht Jahre alt und kann nur französisch.

00:07:58: Er holt den Rückstand rasch auf, er lernt nicht nur deutsch sondern später auch englisch italienisch spanisch und türkisch, er studiert Soziologie Philosophie und Islamwissenschaft in Wien und Berlin, er schreibt eine Doktorarbeit und steht vor einer vielversprechenden Karriere.

00:08:17: doch dann ergreift Hitler die Macht in Deutschland Etwas vom Ersten, was er tut.

00:08:22: Er verbietet unliebsame Bücher.

00:08:25: Am zehnten Mai von der Zeit zieht ein Fackelzug durch Berlin.

00:08:29: Lastwagen haben Tausende von Büchern geladen.

00:08:32: Siebzigtausend Menschen laufen mit!

00:08:34: Auf dem Platz vor der Universität brennt ein Scheiterhaufen.

00:08:39: Propagandaminister Josef Göbbels peitscht die Menge

00:08:42: auf.

00:08:45: Es gab auch keine wissenschaftliche Freiheit mehr ... Forschungsfreiheit, Meinungsfreiheits war nicht mehr gegeben.

00:08:59: Der regimekritische Rene König erlebt offene Anfeindungen und Drohungen.

00:09:04: Seine Habilitation über Emil Dürkheim den Sozialisten und Juden könne in Deutschland nicht zu Ende bringen.

00:09:11: Sie wissen, dass sehr viele deutsche emigranten Kollegen in die Türkei gegangen sind.

00:09:16: Gerade Sozialwissenschaftler.

00:09:18: Doch René König entscheidet sich für die Schweiz wo er schon Kontakte hat.

00:09:22: Die Uni Zürich akzeptiert seine Habilitation und er findet eine Wohnung im Uniquartier.

00:09:28: Aber seine Karrierepläne sind durch die Flucht zerschlagen.

00:09:35: Wir sind mittlerweile im Jahr

00:09:41: neunzehnhundert achtunddreißig.

00:09:45: Hitler stimmt die Deutschen auf den Krieg ein und die Schweiz besinnt sich auf sich selbst.

00:10:01: Das ist die Zeit des nationalen Zusammenrückens, die Zeit der geistigen Landesverteidigung.

00:10:07: Geistige LandesverTeidigung Das war die Idee, dass sich die Schweiz nicht nur mit Waffen sondern auch mit ihrer ureigenen schweizerischen Kultur gegen den Faschismus wehren müsse.

00:10:17: Alles vermeintlich unschweizerische wurde abgelehnt.

00:10:20: fremden begegnete man mit Misstrauen.

00:10:23: So habe ich mich dann dort in ganz neue Verhältnisse einfügen müssen Mit der Auflage jedes Semigranten keine Arbeit anzunehmen und nicht bezahlt zu werden.

00:10:34: Zwar darf er an der Uni Zürich lehren.

00:10:37: Für Studierende der Philosophie, Psychologie und Pädagogik bietet er drei Lehrveranstaltungen

00:10:42: an.

00:10:42: Jeweils am Dienstag, Mittwoch- und Donnerstag nachmittags.

00:10:46: Von der Uni bekommt er dafür aber kein Honorar.

00:10:49: Immerhin bezahlen ihm seine Studierenden fünf Franken pro Semesterstunde – das wären heute etwa siebenunddreißig Franken!

00:10:55: Damit kann er sich über Wasser halten auch weil die Studierendern seine Vorträge lieben.

00:11:00: Hundert und mehr sitzen jeweils im Hörsaal und hören gespannt zu wenn Rönä König ihnen die Grundbegriffe der Soziologie erklärt.

00:11:08: Die Soziologie hat die Funktion, die sozialen Beziehungen der Menschen untereinander auf ihre Gesetzmäßigkeiten abzuhorchen und zwar nicht nur stationär in einem Moment Standfoto sondern in ihrer Entwicklung ferner in ihren psychologischen Hintergründen.

00:11:27: es dreht sich also nicht darum DIE Gesellschaft als ein abstraktes Ungeheuer zu erfassen.

00:11:33: In der Gesellschaft sind immer noch Menschen.

00:11:36: Nicht nur als Dozent, auch als Forscher hat Rene König zunehmend Erfolg.

00:11:40: Anfang der vierziger Jahre – also noch mitten im Krieg – bittet ihn der Bundesrat ein Gutachten über die Familie in der Gegenwart zu verfassen Als Basis für eine neue Familienpolitik Ein.

00:11:52: Soziologi stellt Wissen als Grundlage für die staatliche Politik bereit.

00:11:56: Das ist in der Schweiz zum damaligen Zeitpunkt ein Novum.

00:12:00: Die Lektüre des Gutachtens war mir ein wahrer Genuss zeigte es doch auf sicherer wissenschaftlicher Grundlage das Wesen der Gegenwartfamilie und die wesentlichen Merkmale ihrer Lage auf.

00:12:11: Schreibt Hans Neff, Jurist beim Bund später.

00:12:15: Alles andere was wir darüber besaßen erschien nun als völlig dilettantisch.

00:12:23: Auf der Grundlage empirischer Daten schlägt René König Maßnahmen zugunsten berufstätiger Mütter und eine Reform des Scheidungsprozesses vor Ideen, die erst Jahrzehnte später realisiert werden sollten.

00:12:36: Die Anerkennung durch den Bundesrat hilft Röhne König aber herzlich wenig.

00:12:41: Sein Leben in Zürich bleibt prekär!

00:12:43: Während Jahren besitzt er nur das gelbe Fremdenbüchlein mit der Aufschrift für Dienstmädchen und Milchknächte und Personen, die die Schweiz wieder zu verlassen haben.

00:12:51: Jedes Jahr muss er bei der fremden Polizei die Verlängerung seiner Aufenthaltsbewilligung beantragen – oft kommt die Antwort sehr spät – sodass Röhnekönig in permanenter Unsicherheit lebt.

00:13:02: Es musste eine sehr demütigende Lebenserfahrung gewesen sein für Röne König, der hier wirklich aktiv war.

00:13:07: Sich in der Schweiz eingebracht hat und sich auch identifiziert hat mit

00:13:10: vielem.".

00:13:12: Das ist echt hart – diese Rückweisung, diese Unsicherheit!

00:13:19: Patrick Zildner und ich sind schon bald eine Stunde im Gespräch.

00:13:23: Da hält er plötzlich inne...

00:13:30: Sonst ist es aufgearbeitet, aber wenn ich anfange da zu studieren, hätte niemand etwas von ihm gewusst.

00:13:39: Das ist ein neues Buch, das gibt dank dem nicht zum Beispiel die Zähme kennengelernt.

00:13:44: Pascal German, okay ja!

00:13:47: Pascal German kenne ich nach vom Studium.

00:13:50: Wir saßen in den zweitausender Jahren zusammen in Vorlesungen am historischen Seminar.

00:13:55: Danach habe ich ihn aus den Augen verloren.

00:13:57: Jetzt erfahre ich dass er eine Doktorarbeit zur Rassenforschung in der Schweiz geschrieben hat.

00:14:02: Die Wellen schlug

00:14:03: Und dann können wir die Absurde, ich weiß nicht ob das Interesse ist für den Podcast.

00:14:07: Dann können wir diese Versuche... Also statt Soziologie gibt es Schädelvermessungen, Körpervermäßige von Schweizeren Gruten und man versucht eine eigene helfetische Rasse zu definieren.

00:14:18: Als Ich finde, das klingt krass – und total spannend!

00:14:21: Aber von vorn.

00:14:25: Im neunzehnten Jahrhundert kommt die Rassenforschung auf etwa gleichzeitig mit der Soziologie.

00:14:30: Die beiden Wissenschaften stehen in direkter Konkurrenz zueinander.

00:14:34: Beide träumen davon, eine umfassende Theorie der menschlichen Gesellschaft und ihrer Entwicklung zu liefern.

00:14:40: Doch die Perspektiven unterscheiden sich diametral.

00:14:43: Die Soziologie geht von kulturellen und sozialen Unterschieden aus – die Rassenforschung von Selektionsprozessen der Natur, die angeblich zu höherwertigen und minderwertigen Menschenrassen führten.

00:14:54: Beide Wissenschaften haben den Anspruch, soziale Probleme zu erklären und Lösungen dafür anzubieten.

00:15:02: Zürich wird schon früh zu einem Labor der Rassenforschung.

00:15:05: Die Universität richtet schon eighteenhundertneunundneinzig eine Lehrstuhle ein, es ist nach München der Zweite in Europa.

00:15:12: An der Psychiatrischen Universitätsklinik Demburg-Hölzli führt Psychiater August Forel organische Forschungen an psychisch kranken Menschen durch.

00:15:22: In den neunzehnhundertzwanziger Jahren Also zu der Zeit, als der griechische Privatdozent Abroteles Eloiteropoulos in Zürich am Hungertuch nagte und sich bei der Fakultät vergeblich um eine feste Stelle bewahrt ist die Rassenforschung in Züri schon total etabliert.

00:15:39: Federführend ist ein Professor namens Otto Schlaginhaufen.

00:15:42: Ja, da kommt es noch schlimmer, oder?

00:15:44: Die Rassen-Forschung stößt auf Interesse von privater Seite.

00:15:48: Es war eine sehr große Spende seitens eines Unternehmers aus Uster.

00:15:54: Interessiert war ein Rassentheorie und auch an der Orgänik, also eine Verbesserung des Volkskörpers in Anführungszeichen.

00:16:02: Und er das gefördert

00:16:03: hat.".

00:16:05: Der Unternehmer heißt Julius Klaus und erschießt sein gesamtes Vermögen – eins Komma drei Millionen Franken — in seine eigene Stiftung ein!

00:16:12: Die Julius-Klaus-Stiftung für Vererbungsforschung, Sozialantropologie und Rassenhygiene.

00:16:18: Und die Rassenforschungen zürich erlebt einen enormen Boost.

00:16:22: Also auf einmal hatte dieses Fach finanzielle Mittel, dass das alle anderen Fälle deutlich übertroffen hat und deshalb wurde Zürich zum Zentrum der internationalen Hassenforschung.

00:16:33: Im Stiftungsreglement heißt es die Julius-Klaus-Stiftung fördere alle auf wissenschaftlicher Grundlage beruhenden Bestrebungen zur Verbesserung der Weißenrasse.

00:16:43: Mir läuft es kalt in Rücken runter.

00:16:46: Otto Schlaginhaufen hatte das Konzept Es gibt sechs europäische Grundrassen und wollte nachweisen, zu welcher diese Schweizer gehören.

00:16:53: Und er zielte eigentlich auch darauf ab eine Schweizer Rasse zu

00:16:57: definieren.".

00:16:59: Um den sogenannten Homo alpinus zu finden, schickt Schlagenhaufen seinen Mitarbeitenden in Kasernen in der ganzen Schweiz mit dem Auftrag, thirty-fünf Tausend Rekruten zu vermessen – das ist im Jahr nineteenundzehnundzwanzig!

00:17:13: Ich stelle mir die jungen Rekruten vor….

00:17:15: sie stehen in Reih und Glied Körpergröße, Schädelform, Haar- und Augenfarbe.

00:17:22: Alles wird fein säuberlich in Hefter notiert.

00:17:25: Um Messungen in so großem Stil durchführen zu können arbeitet Schlaginhaufen mit einer Konstruktionswerkstätte in Zürich zusammen.

00:17:33: In seinem Auftrag entwickelt die Firma ein großes Sortiment an Messinstrumenten Schweizer Präzisionsware Die auch bei Anthropologen aus England Deutschland und den USA beliebt ist.

00:17:45: Und denn?

00:17:46: Da kommt das Anthropologische Institut, ein neues Gebäudebüren in den sießundrissig.

00:17:50: Also kurz bevor der Röhninkönig und da kommt er sehr bekannt vor, wo das Institut für das anthropologisch-institut ist.

00:17:59: oder sind die Gebäuden dazwischen zwischen dem ersten Graben und Uni?

00:18:04: Ja ja ja.

00:18:05: Ah

00:18:06: krass!

00:18:07: Das war zum ersten Mal gesehen, dass alles stark gefunden hat oder was?

00:18:12: Wir haben auf der einen Seite Ruine König, die regelmäßig liest.

00:18:16: Eben ein prekäres Einkommen hat auch viele Auftragsarbeiten ausführt publiziert.

00:18:23: Er war auch Bibliothekar bei den Juristen, hat dort gearbeitet.

00:18:27: und gleichzeitig haben wir eine üblich ausgestattete rassenanthropologische Forschung eines der größten Instituten weltweit die führend sind oder globale Perspektive haben, die die Theorien entwickeln, die wissenschaftlichen Messinstrumente, die sogar zu einem Exportschlager der Schweizer Industrie werden.

00:18:47: Im Jahr und einhundertunddreißig veröffentlicht Otto Schlaginhaufen erste Resultate seiner Rekrutenforschung.

00:18:54: Immerhin zwanzig Prozent der vermessenen Rekruten gehören angeblich der Alpinenrasse an.

00:18:59: Neunzehnhundertdachunddreißig, das war doch das ja als Röne Königs seine erste unbezahlte Vorlesungen zur Hielt!

00:19:08: Er war damals zweiund dreißig Jahre alt.

00:19:10: Schlagenhaufen schon neunundfünfzig – er hätte also Königsvater sein können.

00:19:15: Ob sich die beiden begegnet sind?

00:19:17: Ich recherchiere online, im historischen Vorlesungsverzeichnis.

00:19:21: Und tatsächlich!

00:19:22: Im Wintersemester in der Jahr und dreizig unterrichtete Otto Schlagenhaufen immer Dienstags um vierzehn Uhr Grundzüge der Anatomie- und Physologie des Menschen – und Rene König gleich im Anschluss Grundbegriffe der Soziologie.

00:19:37: Ob die Vorlesungen im selben Raum stattfanden?

00:19:39: Das finde ich nicht heraus….

00:19:41: Aber mich fasziniert die Vorstellung, wie Otto Schlaginhaufen den Studierenden am Dienstagnachmittag von seinen Forschungen berichtet – etwa über die Kriminalität eingewanderten Rassen.

00:19:51: Und wie Röhne König gleich darauf seine Botschaft von der Gleichwertigkeit aller Kulturen vermittelt?

00:19:58: In der Aufnahme aus der Nachkriegszeit klingt die so...

00:20:01: Die Soziologie

00:20:02: kann

00:20:03: ihnen beibringen dass es eine Kultur als einheitliche Kultur nicht gibt Sondern jede Kultur ist gesellschaftlich abhängig.

00:20:12: Infolgedessen gibt es Hunderte von Kulturen in dieser Welt, und sie sind alle gleich wichtig und gleich viel wert.

00:20:20: Die

00:20:21: beste Lehre, die Sozialologie geben kann, ist die der

00:20:24: Toleranz.".

00:20:29: Am achten Mai in nineteenhundertfünfundvierzig atmen die Menschen in Europa auf.

00:20:34: Der Krieg ist zu Ende – endlich!

00:20:37: Die Schweiz ist verschont geblieben.

00:20:44: Bundespräsident Edward von Steiger hält eine Ansprache.

00:20:48: Er sieht die Schweiz quasi als außerweltes Volk.

00:20:57: Die Sonderfallgedanke war sehr verbreitet, es war sogar eine Idee vom Glücksfall, also welthistorischem Glücksfalt, dass es uns nicht so ging wie unseren Nachbarn.

00:21:09: Doch der vermeintliche Glücksfall wurde der Schweiz zum Verhängnis.

00:21:13: Denn nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Rassenforschung im deutschsprachigen Raum am Ende, nur nicht in Zürich.

00:21:19: Wer nach nünzendfünfundvierzig Rasenforschungen betreiben wollte, musste nach Züricher kommen.

00:21:25: Erst Anfang der Siebzigerjahre distanzieren sich die Julius-Klaus Stiftung und das Anthropologische Institut vom Ziel der Verbesserung der Weißen Rasse.

00:21:35: International dreht der Wind jedoch bei Kriegsende.

00:21:38: Rassenforschung wird abgeschafft, Soziologie liegt im Trend.

00:21:42: Unterstützt wird die Soziologie durch die neu gegründete UNESCO.

00:21:46: Das ist die UNO-Organisation, die die Völkerverständigung fördert mit den Mitteln von Kultur, Wissenschaft und Bildung.

00:21:52: Die UNESCO hilft auch die Sozologie zu verbreiten Und dabei wird sie auf Röhne König aufmerksam der mittlerweile Anfang vierzig ist und immer noch in Zürich lebt.

00:22:01: Im Auftrag der UNESCO erstellt er einen Bericht über die Lage der Soziologee in der Schweiz.

00:22:05: Er ist international sehr vernetzt und gründet mit anderen SoziologInnen, die International Sociological Association, Die I Say.

00:22:16: Er schafft es sogar, die Creme de la Crème der Soziologie aus verschiedenen Ländern hierherzuholen – nach Zürich, wo es ja noch nicht einmal ein soziologisches Institut gibt!

00:22:27: Und in den Fünfzehn fungierte König als Lokaler, Organisator des ersten ISA-Weltkongresses in Zürich.

00:22:33: Er war also bestens integriert und hat die Weltsoziologie sogar noch gar nach Zürch geholt – aber auch das hat nichts zu einem Durchbruch

00:22:40: geführt.".

00:22:41: Also das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen oder, neunzehntundhundertfünfzig, also sechzehn Jahre bevor das Institut hier gegründet wurde, fand er alle erste Weltkongresse Soziologie in Züricht statt?

00:22:52: Was für eine Diskrepanz!

00:22:54: Auf der einen Seite Rönik König, der unermüdlich versucht eine globale Soziologie in Zürich zu verankern und auf der anderen Seite dieser hartnäckige Widerstand von fakultät- und politischen Behörden.

00:23:06: Röni König hat nämlich immer noch keinen Lehrstuhl – zwar darf er sich seit nineteenhundertsiebenundvierzicht Titularprofessor nennen aber die Einrichtung eines Ordinariaz geschweige denn eines eigenen Instituts lehnt die Universität mehrmals ab… Und das obwohl sich auch Studierende für ihn einsetzen!

00:23:24: Es wird immer Studenten geben, die die Einführung neuer Wissenszweige wünschen.

00:23:27: Die gerade aktuell erst der Vertreter der Soziologie an der Universität soll sie nicht nur wissenschaftlich qualifiziert sondern auch gewährder fühlt dass er nicht extrem politischen Richtungen holt.

00:23:37: Ich beantrage die Schaffung eines Lehrstuhls zu verzichten und abzuwarten bis ein geeigneter schweizerischer Anwerter gefunden ist.

00:23:44: Zu beliebt, zu progressiv, zu unschweizerisch isst Rönekönig den Behörden Und dann kommt es zum Skandal, der das Fass endgültig zum Überlaufen bringt.

00:23:55: Es geht um die Doktorarbeit eines Schülers von Rönä König – der heißt Hansjörg Beck.

00:24:00: In einer Art teilnehmender Beobachtung untersuchte er den Alltag in Vitikon, einem Dorf bei Zürich, das kurz zuvor eingemeidet worden war.

00:24:08: Der hat eine typische Netzwerkforschung gemacht also was wir volkstümlich als Vieles bezeichnen nicht wie das halt so läuft auf Gemeindeebene

00:24:15: Doch die Dorfprominenz fühlt sich in ihrer Ehre verletzt.

00:24:18: Ein paar Männer gehen sogar so weit, Doktorant Beck vor Gericht zu ziehen.

00:24:26: Beck wurde erst instanzlich für den Bezirksgericht wegen Verleumdung zu einer Buße von hundert Franken verurteilt in Berufungsverfahren vor dem Obergericht aber freigesprochen.

00:24:40: Wir lachen heute unglaublich darüber.

00:24:42: Aber für Hans-Jörg Beck und dann auch für Rönä König ist der Gerichtsprozess trotz Freispruch verheerend.

00:24:49: Es wird Kristall klar, als Ausländer isst er in Zürich nicht erwünscht – trotz internationalem Renommee, trotz umfangreichen Forschungen, trots ungebrochenen Interesse der Studierenden.

00:25:08: Ich bin Weltbörger!

00:25:10: Ich gehöre der Welt wie im Sand.

00:25:14: In Köln blüht Rönä König auf und kann endlich das verwirklichen, was er in Zürich vorhatte.

00:25:19: Er macht der Soziologische Institut zu einem der renommiertesten im deutschen Sprachraum – und er begründet die Kölner Zeitschrift für Soziologie- und Sozialpsychologie.

00:25:28: Ja man kann sagen, er war eigentlich einer der Neubegründer der deutschen Nachkriegssoziologie, sehr großem Einfluss hat Generationen von Schülerinnen und Schülern ausgebildet und das hätte alles in Zyrich stattfinden

00:25:41: können.

00:25:42: Was für eine verpasste Chance!

00:25:44: Ich weiß noch, dass der Name Röne König sogar mir im Studium in den zweitausender Jahren ein Begriff war und das ich die spannendsten sociologischen Artikel in der Kölner Zeitschrift für Soziologie- und Sozialpsychologie fand.

00:25:57: Wie hätte sich die Soziologie in Zürich entwickelt, während die Verantwortlichen an der Uni und in der Politik damals in den Fünfzigerjahren nicht so engständig gewesen?

00:26:06: Ich glaube, es ist kein Betriebsunfall.

00:26:08: Sondern das war wirklich die Verfasstheit der schweizerischen Nachkriegsgesellschaft, die ein ganz spezifisches Bild von sich hatte.

00:26:16: Das kommt aus dieser geistigen Landesverteidigung aus und wird direkt in den Kalten Krieg weitergeführt.

00:26:21: Und so zu logischer Selbstaufklärung war da nur ein störendes Element.

00:26:26: Ist schon eine unglaubliche Geschichte!

00:26:28: Ja, aber es ist auch noch nicht vorbei.

00:26:31: Auch in der Gründungsphase des Instituts, also die Öffentlichkeit reagiert skeptisch und teilweise auch ablehnend zur sozoologischen Forschung.

00:26:41: Also das halt nach, das geht noch weit in die Sechziger-Siebzigerjahre

00:26:44: hinein.".

00:26:47: Wir sind schon am Zusammenpacken – da fällt mir etwas auf!

00:26:50: Mein Gesprächspartner Patrick Ziltiner ist Titularprofessor Also wie Röhne König ein habilitierter Forscher, der Lehrveranstaltungen halten darf.

00:26:59: Aber keine ordentliche Professur hat und also auch keinerlei Sicherheit?

00:27:04: Wie ist es bei dir?

00:27:05: Du hast eine Habilitation gemacht.

00:27:07: Eine Professur ... Im konventionellen Sinn hast du nicht übernommen.

00:27:12: Hast du dich beworben um Professorin?

00:27:16: Ich war sechsmal auf Platz zwei.

00:27:18: Da muss man etwas Humor haben, um weiterzumachen.

00:27:22: Offensichtlich hat der Mut ihn nicht verlassen!

00:27:24: Er hat sich auf Wirtschafts- und Entwicklungssoziologie spezialisiert, er hält Lehrveranstaltungen, hatte Forschungsstipendien des Nationalfonds in Ost und Südostasien und ist als Berater für die Bundesverwaltung und für verschiedene Handelskammern tätig.

00:27:38: Ja ich muss sagen mein Schritt in die Selbstständigkeit war nicht ohne Bange weil ich war damals gerade auch eine Familie gegründet.

00:27:48: aber es ist ein staunlichem Rückblick wie sich Auch wenn sich irgendwo eine Tür geschlossen hat, sich irgendwo ein anderer Tür geöffnet hat.

00:27:54: Und irgendwie hat das immer

00:27:55: zusammengepasst.".

00:28:00: Auch für die Soziologie in Zürich öffnete sich noch eine Tür – mehr als zehn Jahre nachdem Rönä König die Stadt verlassen hatte und nach Köln gezogen war.

00:28:09: Ausgerechnet ein Schüler von ihm wurde mit der Institutsgründung betraut.

00:28:13: Einer, der über den Schweizer Tellerrand schaute.

00:28:17: Da kam jemand!

00:28:19: Von so weit her in Lateinamerika war damals doch sehr weit Entfernt, oder?

00:28:24: Plötzlich ist die Schweiz nicht einfach ein isoliertes Ding irgendwo im Weltall.

00:28:34: Die ganze Gründungsgeschichte erfahrt ihr in der nächsten Folge Im Podcast-Player eurer Wahl oder im Netz auf suz.uza.ch.

00:28:43: slash.

00:28:44: podcast.

00:28:47: Das ist Weltenblick, sechszig Jahre Soziologie in Zürich.

00:28:53: Ein Podcast im Auftrag des SuZs des Soziologischen Instituts der Uni Zürch.

00:28:58: Recherche, Produktion und Moderation Christina Caprez Sounddesign Christina Baron Dramaturgische Beratung Franziska Engelhardt Musik Blue Dot Sessions.

00:29:08: Wenn euch dieser Podcast gefällt dann folgt uns und empfiehlt uns weiter.

00:29:13: Wir freuen uns darüber.

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