2 – Die Entdeckung der Weltgesellschaft

Shownotes

Nach dem verunglückten Anfang wird Zürich ab 1966 zur Kaderschmiede der Schweizer Soziologie. Mit Peter Heintz wird ein Schüler des verschmähten René König auf den neu geschaffenen Lehrstuhl berufen. Der in Davos geborene Weltenbürger, der viel Lateinamerika-Erfahrung hat und für die UNESCO arbeitete, ist ein Glücksfall für die damals noch sehr provinzielle Schweiz. In Zürich entwickelt Heintz sein Konzept der «Weltgesellschaft». Er analysiert als einer der ersten die Globalisierung und arbeitet mit Forschenden aus den USA und anderen Ländern zusammen. In dieser Folge erinnern sich Ruth Gurny und Volker Bornschier – beides Studierende der ersten Stunde – an die Aufbruchstimmung am Institut Ende der 1960er-Jahre: An den charismatischen Institutsgründer, der die Studierende von Anfang an in die Forschung einbezog und so die enge Verbindung von Forschung und Lehre begründete, die bis heute ein Markenzeichen des SUZ ist. Und an das Fenster zur Welt, das sich ihnen durch die Soziologie eröffnete.

Ein Podcast im Auftrag des SUZ, des Soziologischen Instituts der Uni Zürich. Projektteam SUZ: Claudia Hiestand, Patrick Ziltener, Hanna Ochsner, Nico Keiser.

Recherche, Produktion und Moderation: Christina Caprez. Mastering und Sounddesign: Christina Baron. Dramaturgische Beratung: Franziska Engelhardt.

Zu hören auf diversen Podcastplayern oder auf suz.uzh.ch/podcast.

Held, Thomas, und René Levy. 1974. Die Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft: Eine soziologische Analyse am Beispiel der Schweiz. Reihe Soziologie in der Schweiz 1. Huber. 3719304736.

Zürcher, Markus. 1995. Unterbrochene Tradition: die Anfänge der Soziologie in der Schweiz. Chronos-Verl.

Volker Bornschiers führt eine Website mit Fotos seiner Kunst auf bornschier.eu.

Ruth Gurny engagiert sich heute bei Denknetz.

Transkript anzeigen

00:00:00: Volker Bornschier: Als die Soziologie in Zürich begann, das war sechsundsechzig im Herbstsemester.

00:00:05: Volker Bornschier: Jetzt bin ich zweiundachtzig, also das ist sechzig Jahre her, oder?

00:00:12: Ruth Gurny: Plötzlich hiess es "Aha! Die Schweiz ist nicht einfach ein isoliertes Ding irgendwo im Weltall".

00:00:20: Christina Caprez: Ich bin Christina Caprez, ich bin Soziologin, Journalistin und Autorin.

00:00:24: Christina Caprez: Für diesen Podcast zur Entwicklung des Soziologischen Instituts in Zürich habe ich viele Menschen getroffen, die wie ich irgendwann in den letzten sechzig Jahren in Zürich Soziologie studiert haben.

00:00:35: Christina Caprez: Ich bin in Archive gestiegen und habe unglaubliche Geschichten erfahren.

00:00:39: Patrick Ziltener: Ja das lässt Zürich in sehr unrühmlichem Lichte erscheinen, man hat da wirklich eine Chance verpasst.

00:00:46: Christina Caprez: In der letzten Folge haben wir gehört, wie der Zürcher Filz die Gründung eines Instituts für Soziologie über Jahrzehnte hinweg blockierte. Und wir haben Archivaufnahmen von René König gefunden, dem Mann, der in den vierziger Jahren vergeblich versuchte, in Zürich eine weltoffene Soziologie aufzubauen…

00:01:03: René König: Es gibt einen alten Spruch, der heisst: "Einmal Emigrant immer Emigrant".

00:01:09: Christina Caprez: … und der seine Vision dann statt in Zürich in Köln verwirklichte.

00:01:13: René König: Ich bin Weltbürger, ich gehöre der Welt wem sonst.

00:01:18: Christina Caprez: Wir haben erfahren, dass die Soziologie in der Schweiz eine mächtige Konkurrenz hatte und dass der Widerstand gegen die Soziologie hier bis in die sechziger Jahre enorm war.

00:01:36: Christina Caprez: Mir lief es immer wieder kalt den Rücken runter, ob so viel Rückwärtsgewandtheit.

00:01:41: Christina Caprez: In dieser Folge kommt es zum Happy End, oder besser gesagt zum Happy Anfang.

00:01:51: Christina Caprez: 1966 kam Zürich nämlich doch noch zu einem Soziologischen Institut. Mit einem Gründer, der die Welt nach Zürich holte.

00:01:56: Christina Caprez: Das ist Weltenblick, 60 Jahre Soziologie in Zürich – ein siebenteiliger Podcast über die Entstehung und Entwicklung der Soziologie an der Universität Zürich.

00:02:07: Christina Caprez: Folge 2: Die Entdeckung der Weltgesellschaft.

00:02:24: Christina Caprez: Für diese Folge fahre ich an den Bielersee ins idyllische Weinbaudorf Ligerz.

00:02:29: Ruth Gurny: Ligerz ist sowieso uralt, das haben wir auch noch lässig gefunden.

00:02:34: Christina Caprez: Das ist Ruth Gurny.

00:02:35: Christina Caprez: Sie öffnet mir die Tür zu dem vierhundertjährigen Haus, in das sie vor wenigen Tagen mit ihrem Mann gezogen ist.

00:02:41: Ruth Gurny: Von daher ist es nachher ein bisschen Chaos überall.

00:02:43: Ruth Gurny: Aber ja… Komm rein! Ja, komm rein!

00:02:47: Christina Caprez: Sie hat vor sechzig Jahren in Zürich mit dem Soziologiestudium angefangen.

00:02:51: Patrick Ziltener: Sie gehörte damals zur ersten Studi-Generation am neuen Institut.

00:02:54: Ruth Gurny: Sechsundsechzig war so wie in Erwartungen dessen, dass ganz grosse Umbrüche passieren werden und passieren müssen.

00:03:04: Christina Caprez: Neben Ruth Gurny spreche ich für diese Folge auch noch mit Volker Bornschier – auch er ein Soziologiestudent der ersten Stunde in Zürich – und später selber Professor am Institut.

00:03:14: Christina Caprez: Ihn treffe ich in seiner Loftwohnung im Zürcher Seefeld.

00:03:17: Christina Caprez: Ruth Gurny und Volker Bornschier nehmen uns mit auf eine Reise in die neunzehnhundertsechziger Jahre.

00:03:26: Volker Bornschier: Wir waren damals sehr aktiv in der Friedensbewegung. Das war die Zeit der Wiederbewaffnung in Deutschland und so weiter.

00:03:35: Volker Bornschier: Und wir waren dagegen und so, und ich bin auch Kriegsdienstverweigerer gewesen.

00:03:47: Ruth Gurny: Ich habe das gespürt, als ich dann nach der Matur ein Jahr in den Vereinigten Staaten war – in Colorado, in einem Austauschprogramm.

00:03:56: We turned into killer and fought for a war that wasn't ours. We won't go.

00:04:02: Ruth Gurny: Vietnamkrieg, Protest dagegen auf der einen Seite, auf der anderen Seite Proteste gegen schlechte Arbeitsbedingungen von Landarbeiterinnen und Landarbeitern.

00:04:11: Ruth Gurny: Ich habe diese Spannung unglaublich stark gespürt, zum ersten Mal einfach in meinem Leben.

00:04:16: Ruth Gurny: Und als ich zurückkam, habe ich das mitgenommen und angefangen auch hier dem ein bisschen nachzuspüren, dass

00:04:24: Ruth Gurny: da eine Art Reichtum und Wohlgeordnetheit herrscht, die wahrscheinlich nicht so selbstverständlich ist.

00:04:35: Christina Caprez: Das Soziologiestudium war eine naheliegende Wahl, für Ruth Gurny genauso wie für den Kriegsdienstverweigerer Volker Bornschier.

00:04:42: Volker Bornschier: Ich hatte mich beworben, für London und Berlin und kam in beiden Fällen nicht zum Zuge und habe mich vertröstet.

00:04:51: Volker Bornschier: Und ich kannte Zürich von der Durchfahrt in den Süden, wo ich immer am Bellevue mein Tabak einkaufte.

00:05:01: Volker Bornschier: Und dann kamen die Gerüchte: "also da kommt jemand und der kommt von weit her".

00:05:08: Christina Caprez: Jemand, der die Soziologie in Zürich aufbauen würde – Peter Heintz.

00:05:13: Christina Caprez: Wenn die Studierenden von damals von ihm erzählen, geht mir beim Zuhören das Herz auf!

00:05:19: Ruth Gurny: Ich fühlte mich vom ersten Tag an aufgehoben.

00:05:25: Ruth Gurny: Willkommen geheissen.

00:05:27: Ruth Gurny: Das war etwas ganz, ganz Wesentliches.

00:05:29: Ruth Gurny: und plötzlich eröffnet sich eine völlig neue Sichtweise auch auf das eigene, aufs kleine Eigene.

00:05:36: Ruth Gurny: Auf dieses propere Zürich.

00:05:38: Ruth Gurny: Warum kann das so proper sein?

00:05:40: Ruth Gurny: Woher kommt das denn eigentlich?

00:05:42: Ruth Gurny: Auf's Mal gingen unglaubliche Fenster auf.

00:05:53: Christina Caprez: Aber noch mal kurz einen Schritt zurück!

00:05:55: Christina Caprez: In der letzten Episode waren wir ja in den fünfziger Jahren stehen geblieben bei René König, dem Soziologen, der trotz internationalem Renommée und Aufträgen vom Bundesrat in Zürich keine Professur bekam.

00:06:08: Christina Caprez: Und jetzt, zehn Jahre später, richtet die Uni doch noch einen Lehrstuhl für Soziologie ein – und auf den beruft sie ausgerechnet Peter Heintz, einen Schüler des verschmähten René König.

00:06:19: Patrick Ziltener: Es ist rückblickend und wenn man die Situation von Mitte der Sechziger her anschaut, eigentlich ein unerklärbarer Glücksfall.

00:06:27: Patrick Ziltener: Also das ist, als ob ein Meteorit einschlägt.

00:06:33: Patrick Ziltener: Das ist wirklich zu erklären.

00:06:35: Patrick Ziltener: Warum – dieser jahrzehntelange Widerstand gegen die Disziplin, das war ja nicht weg mit dem Weggang von René König.

00:06:43: Patrick Ziltener: Und Peter Heintz war ein Schüler von René König, der zudem noch über politische Themen gearbeitet hat wie den Anarchismus.

00:06:50: Patrick Ziltener: Also das muss der damaligen Elite hier in Zürich doch auch ziemlich suspekt gewesen sein.

00:06:56: Christina Caprez: Zur Erinnerung – René König verliess Zürich in 1952 desillusioniert und gründete in Köln eines der renommiertesten Institute im deutschsprachigen Raum.

00:07:06: Christina Caprez: Und dann sollte dessen Schüler das Zepter übernehmen: Peter Heintz.

00:07:10: Volker Bornschier: Die Philosophische Fakultät fand das gar nicht so lustig, weil er ist eigentlich von aussen reingedrückt worden über den Kantonsrat.

00:07:21: Christina Caprez: Genauer gesagt über FDP-Kantonsrat Rudolf Friedrich.

00:07:25: Volker Bornschier: Den Friedrich, der später Bundesrat wurde, oder?

00:07:28: Volker Bornschier: Und der kannte Peter Heintz, weil er der Bruder der Frau vom Peter Heintz ist und der sicher sagte, das ist die Gelegenheit, so einen welterfahrenden, komparativen, für den Ausbau der Soziologie in Zürich zu gewinnen.

00:07:45: Christina Caprez: Vitamin B also – das allein hätte aber vermutlich nicht gereicht.

00:07:50: Christina Caprez: Denn auch René König hatte ja seine Unterstützer – zumindest beim Bund!

00:07:54: Patrick Ziltener: Also muss neunzehnhundertsechzig noch etwas anderes eine Rolle gespielt haben, vermutet Patrick Ziltener.

00:08:00: Patrick Ziltener: Es gehörte inzwischen zur allgemeinen Ausstattung einer Universität, dass man Soziologie hat und Zürich wollte da nicht hintenanstehen.

00:08:08: Patrick Ziltener: Man konnte sich schlicht nicht mehr leisten keine Soziologien zu haben.

00:08:13: Christina Caprez: Das kommt mir irgendwie bekannt vor.

00:08:15: Christina Caprez: Beim Frauenstimmrecht war es doch genau so.

00:08:17: Christina Caprez: 1971 war's einfach nur noch peinlich, das die Frauen in der Schweiz immer noch nicht mitbestimmen können.

00:08:23: Christina Caprez: Bei der Wahl von Peter Heintz fiel aber noch etwas anderes ins Gewicht.

00:08:27: Patrick Ziltener: Man muss es offen sagen.

00:08:28: Patrick Ziltener: König war ein Deutscher und Peter Heintz war ein Schweizer, das muss eine Rolle gespielt haben.

00:08:33: Christina Caprez: Schon verrückt!

00:08:34: Christina Caprez: Da kann einer genauso progressiv und weltoffen sein wie sein Vorgänger – wenn er Schweizerdeutsch spricht, ist der einer von uns und somit wählbar.

00:08:43: Christina Caprez: Dabei war Peter Heintz alles andere als ein typischer Schweizer, erzählt Volker Bornschier.

00:08:56: Volker Bornschier: Er war ein Wanderer, also er ist in Davos geboren. Er ist dann mit seinem Vater, der Händler und Klein-Industrieller war, ausgewandert nach Barcelona.

00:09:03: Volker Bornschier: Er hat dort die Schulen gemacht, dann brachder Bürgerkrieg aus.

00:09:08: Volker Bornschier: Und als Francos Truppen vor Barcelona standen, haben sie alles zusammengepackt.

00:09:13: Volker Bornschier: Die Wertsachen, die man hatte, haben Sie in Gold unter das Auto geschraubt.

00:09:21: Volker Bornschier: Dann sind sie geflohen über die Pyrenäen!

00:09:24: Christina Caprez: Zurück in die Schweiz.

00:09:26: Christina Caprez: Peter Heintz ist damals, im Jahr 1938, 18-jährig.

00:09:32: Christina Caprez: Nach der Matur schreibt er sich in Zürich in Nationalökonomie ein und entdeckt die Vorlesungen von René König, der gerade an der Uni Zürich als Dozent angefangen hat.

00:09:43: Christina Caprez: Welche Lehrveranstaltungen er genau besucht hat, finde ich nicht heraus. Aber ich entdecke im Vorlesungsverzeichnis vom Sommersemester 1940 eine Veranstaltung von René König mit dem Titel «Soziologie der Masse».

00:09:55: René König: Freiheit, der Mensch stäubt sich vor der Freiheit.

00:09:58: René König: Warum?

00:09:58: René König: Weil Freiheit unbequem ist!

00:10:01: Christina Caprez: Diese Aufnahme von René König ist ein Fundstück aus der Nachkriegszeit.

00:10:05: Christina Caprez: Aber wer weiss... Vielleicht hat er in den Univorlesungen an der Uni Zürich Ähnliches gesagt? Und vielleicht sass Peter Heintz, der damals frisch immatrikuliert war, im Hörsaal und hörte René König zu.

00:10:16: René König: Freiheit macht einen Anspruch.

00:10:18: René König: Sie müssen etwas leisten für die Freiheit.

00:10:20: René König: Sie müssen sie sich etwas kosten lassen.

00:10:23: René König: Sie müssen unter Umständen den Konflikt herausfordern.

00:10:27: René König: Sie müssen vor allen Dingen, wenn sie Freiheiten verlangen, bereit sein, sie selbst zu geben, und das ist vielleicht das Unangenehmste vom Ganzen, dass man dem andern dieselben Rechte zugestehen muss, wie man sich für sich beansprucht.

00:10:39: Christina Caprez: Vorne im Hörsaal also René König, der Flüchtling aus Hitlers Deutschland, und hinten unter den Studierenden Peter Heintz, der gerade vor Franco aus Spanien geflüchtet ist.

00:10:49: Christina Caprez: Gut möglich, dass René König seinen Zürcher Studierenden damals auch seine antinationalistische Haltung näher gebracht hat.

00:10:57: René König: Dass diese Welt in vielen Nationen zerfällt – das ist ein Faktum!

00:11:02: René König: Aber man kann sich darüber stellen... Es gibt eine transkulturelle Basis, von der Sie alle Kulturen gleichmässig sehen können.

00:11:14: René König: Dann stehen sie Ihnen alle gleichmässig nahe und gleichmässig fern.

00:11:19: Christina Caprez: Peter Heintz, der fliessend Deutsch, Spanisch, Französisch und Englisch sprach, müssen solche Worte sehr berührt haben.

00:11:26: Christina Caprez: Nach der Doktorarbeit folgt er in 1953 René König nach Köln – und er habilitiert sich bei ihm mit einer Arbeit über den Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon.

00:11:36: Christina Caprez: Doch er bleibt nur drei Jahre in Deutschland.

00:11:38: Christina Caprez: Kaum als Privatdozent in Köln, dann ist er berufen worden von der UNESCO die Sozialwissenschaften in Lateinamerika voranzubringen.

00:11:48: Christina Caprez: In Santiago de Chile baut Peter Heintz im Auftrag der UNESCO die Sozialwissenschaftliche Fakultät auf.

00:11:54: Patrick Ziltener: Und mit dieser Weltperspektive kommt er zurück nach Zürich.

00:11:57: Christina Caprez: …sagt Patrick Ziltner

00:11:59: Patrick Ziltener: Und wir sehen das in den Forschungsseminaren.

00:12:00: Patrick Ziltener: Da wurde über alles gesprochen, da wurde über den Parteitag der kommunistischen Parteien China gesprochen, dann wurde über Putsche in Lateinamerika geforscht.

00:12:09: Patrick Ziltener: Alles war auf dem Radar. Und das hat zum Aufbau dieses, was man Weltobservatorium genannt hat, und das war eine aussergewöhnliche Perspektive, die es sonst in der deutschsprachigen Soziologie nicht gab.

00:12:22: Christina Caprez: Was für eine Zeitenwende!

00:12:24: Christina Caprez: Da versuchen Soziologen mehr als ein halbes Jahrhundert lang das Fach in Zürich zu etablieren und laufen gegen eine Wand.

00:12:30: Christina Caprez: Aber als Zürich dann endlich den Schritt macht, und 1966 eine Professur einrichtet – reichlich spät im Vergleich zu anderen Universitäten im deutschsprachigen Raum – da kommt einer, der nicht nur Soziologie betreibt, sondern die grosse weite Welt ins kleingeistige Zürich holt.

00:12:46: Christina Caprez: Eine bleibende Erinnerung für Volker Bornschier und Ruth Gurny, die beiden Studierenden von damals.

00:12:52: Volker Bornschier: Uns hat vor allen Dingen die Weltoffenheit fasziniert!

00:12:56: Volker Bornschier: Da kam jemand von so weit her, Lateinamerika war damals noch sehr weit entfernt.

00:13:04: Christina Caprez: In Chile hatte Peter Heintz Soziologie im Aufbaustudium unterrichtet.

00:13:08: Christina Caprez: Seine Studierenden hatten also schon einen Abschluss etwa in Architektur, Ökonomie oder Jurisprudenz.

00:13:14: Volker Bornschier: Das ist wichtig zu wissen, weil er hat uns anfänglich völlig überfordert und wir wurden da wirklich anfänglicher richtig reingeworfen und für vollgenommen.

00:13:26: Ruth Gurny: Wir waren einfach reingeworfen in den Auftrag, jetzt versucht ihr mal herauszufinden, wie weit sich diese nationalen Gesellschaften unterscheiden.

00:13:36: Christina Caprez: Peter Heintz teilte die Studierenden im Gruppen ein und gab ihnen eine Forschungsfrage.

00:13:39: Ruth Gurny: Wir gruben uns ein in statistische Wälzer, in Publikationen von Organisationen, von denen ich keine Ahnung hatte, keine Ahnung von internationalen OECD-Publikationen, UNO-Publikationen, UNESCO-Publikationen.

00:13:54: Ruth Gurny: Wir gruben uns da rein, wir suchten miteinander – das war eben wichtig!

00:13:57: Ruth Gurny: Nicht isoliert, sondern miteinander gingen wir ins Sozialarchiv.

00:14:03: Ruth Gurny: Und weil wir das so als engagierte Gruppe machten, gab es eine unglaubliche Motivation sich kundig zu machen.

00:14:11: Christina Caprez: Und mehr noch?

00:14:12: Christina Caprez: Im Soziologie-Studium bei Peter Heintz lernte Ruth Gurny eine Sprache und Analyseinstrumente kennen, um die Erfahrungen in Worte zu fassen, die sie als Austauschschülerin nach der Matur in den USA gemacht hatte.

00:14:24: Ruth Gurny: Wenn man vorher – das habe ich gesagt – in den USA so latent diffus merkte, dass da etwas mit diesem Vietnamkrieg wirklich nicht in Ordnung ist, aber das gar nicht richtig argumentatorisch fundieren konnte. Dann wusste man jetzt plötzlich schon viel besser, wo man steht und wofür man einstehen will.

00:14:43: Ruth Gurny: Und wogegen man ankämpfen will.

00:14:46: Ruth Gurny: In dem Sinn war das Studium eine Politisierung mit Fundierung.

00:14:57: Christina Caprez: Die politischen Fragen lagen mittlerweile auch in Zürich auf der Strasse.

00:15:01: Christina Caprez: Jugendliche begannen gegen die autoritäre Erziehung aufzubegehren.

00:15:04: Christina Caprez: Sie forderten Freiräume – und das Recht mitzubestimmen!

00:15:08: Volker Bornschier: Das war in einer Zeit der grossen studentischen Bewegtheit und der Heintz hat es geschafft, die auch ein bisschen von der Strasse wegzuziehen.

00:15:18: Volker Bornschier: Am Wochenende war das Institutsgebäude geschlossen.

00:15:21: Volker Bornschier: Dann hatten wir natürlich ein Fenster, wo man rein konnte und da hat man selbst am Wochenende dort gearbeitet, sich getroffen usw.

00:15:33: Christina Caprez: Was dort genau gelaufen ist am Wochenende am Institut, wie die Achtundsechziger-Bewegung und die Soziologie einander beeinflusst haben,

00:15:40: Christina Caprez: dazu dann mehr in der nächsten Folge dieses Podcasts!

00:15:48: Volker Bornschier: Das kann man sich nicht vorstellen, also dieser Zusammenhalt der ersten Generationen – da waren einige, die hatten schon fast acht oder wie viele Semester in anderen Fächern studiert und dann sehnsüchtig jetzt noch ein bisschen Soziologie gehört, da waren ganz junge,

00:16:09: Volker Bornschier: also es war eine sehr heterogene Gruppe aber ein grosser Zusammenhalt.

00:16:15: Ruth Gurny: Es war klar ein Fokus darauf, dass man weiterkommt.

00:16:20: Ruth Gurny: Das es besser wird, wenn man das als Kollektiv macht, in einem überschaubaren Kollektiv, in einem Kollektiv, in dem man sich vertraut, in dem man wirklich einem guten Feedback geben kann ohne das als verletzend oder herabwürdig zu erleben.

00:16:34: Ruth Gurny: Ich glaube, es war so eine frühe Form, auch von Peter Heintz wahrscheinlich so gedacht, gegen diese liberale Idee – später nun die liberalen Ideen genannt – dass wirklich grosse Leistungen nur als individuelle Leistung zustande kommen.

00:16:52: Ruth Gurny: Das hat mich stark geprägt.

00:16:54: Christina Caprez: Wow!

00:16:55: Christina Caprez: Da wäre ich sehr gerne dabei gewesen.

00:16:58: Christina Caprez: Diese Aufbruchstimmung, diesen Zusammenhalt hätte ich auch gerne erlebt.

00:17:02: Volker Bornschier: Die Seminarien, das berühmte Freitagseminar, fanden am Zeltweg statt.

00:17:08: Volker Bornschier: Der Zeltweg war für diese erste Generation der Studenten so eine Art Heimat oder?

00:17:14: Christina Caprez: An den Auftritt von Peter Heintz an den Freitags-Seminaren erinnert sich Volker Bornschier noch gut.

00:17:21: Volker Bornschier: Er kam rein und setzte dich auf den Tisch rittlings und fing an zu Parlieren, sehr interessante Geschichten hat er immer erzählt.

00:17:34: Volker Bornschier: Und der war ein starker Raucher und dann plötzlich ... Hatte er sich die Zigarette angezündet.

00:17:40: Volker Bornschier: Das war ein Sakrileg in einer Vorlesung.

00:17:44: Volker Bornschier: Dann dreht er sich um und also, da hat er auf diesem Tisch wo er sass, da hat er die Zigarette ausgedrückt.

00:17:54: Volker Bornschier: Das weiss ich noch genau!

00:17:57: Ruth Gurny: Die Präsentationen von Arbeiten fanden statt im sogenannten Freitagsseminar.

00:18:02: Ruth Gurny: Da kann ich mich erinnern, das war eher in einem relativ nicht sehr grossen Raum am Zeltweg.

00:18:12: Ruth Gurny: Blau verraucht und gesprochen haben nur ein paar wenige und die anderen haben zugehört in totaler Ehrfurcht erstarrt.

00:18:26: Ruth Gurny: Kaum mal hätte man gewagt da teilzunehmen.

00:18:30: Ruth Gurny: Das war wirklich ein sehr hierarchisches Ding und eigentlich im Gegensatz zu dem, was man in seiner eigenen Tätigkeit als Studierende erlebt hat.

00:18:40: Christina Caprez: Das wirft jetzt also noch mal ein ganz anderes Licht auf Peter Heintz – und irgendwie bringe ich das nicht zusammen.

00:18:45: Christina Caprez: Auf der einen Seite der zugewandte Mentor, der seine Studierenden fürs kollektive Forschen begeistert, und auf der anderen Seite der unnahbare Professor, der seine Position durch machohaftes Gehabe unterstreicht.

00:18:58: Ruth Gurny: Ich denke, es war schon auch diese Figur, die sich mit einem grossen charismatischen Nimbus da umgeben hat.

00:19:15: Ruth Gurny: Es wurde ihm ja auch zugestanden, nicht.

00:19:17: Ruth Gurny: So im Nachhinein, wenn ich mir das vor Augen führe, denke ich mir…

00:19:20: Ruth Gurny: …hey, was haben wir da mit uns gemacht?

00:19:23: Ruth Gurny: Nicht machen lassen,…

00:19:26: Ruth Gurny: …aber was haben wir mit uns gemacht?

00:19:28: Ruth Gurny: Das wäre heute, glaube ich, undenkbar.

00:19:35: Christina Caprez: Damals hinterfragte Ruth Gurny die Verhältnisse am Institut aber nicht.

00:19:45: Christina Caprez: Denn für die Studierenden war die Soziologie vor sechzig Jahren «the place to be», eines der aufregendsten Fächer an Puls der Zeit, die drängenden Fragen adressierend.

00:19:55: Christina Caprez: An der Philosophischen Fakultät hingegen waren die Professoren für Literatur und Philosophie – also die althergebrachten Fächer – weiterhin skeptisch.

00:20:04: Volker Bornschier: Die Philosophische Fakultät I war damals sehr stark philosophisch – wie ich den Namen schon sagt – und sprachlich.

00:20:13: Volker Bornschier: Man gewinnt Erkenntnis über Nachdenken und die Sozialwissenschaften waren so eher die Schmuddelkinder, oder?

00:20:16: Christina Caprez: Was heisst das?

00:20:23: Volker Bornschier: Ja, so Schmuddelkinder, die nicht so sauber sind, oder?

00:20:27: Volker Bornschier: Also wir wurden nicht für voll genommen.".

00:20:30: Christina Caprez: Ich weiss genau, dass schmuddelig-schmutzig bedeutet – aber der Gedankengang ist mehr fremd!

00:20:34: Christina Caprez: Heute ist es ja eher umgekehrt.

00:20:36: Christina Caprez: Empirische Forschung – also der Erkenntnisgewinn über Befragungen Statistiken und andere Daten – ist hoch im Kurs während die Geisteswissenschaften unter Legitimationsdruck stehen.

00:20:47: Christina Caprez: Ich erinnere mich noch, wie ich als Maturandin eine Info-Veranstaltung des Soziologischen Instituts besuchte.

00:20:52: Christina Caprez: Da erzählten Studierende, dass man in der Soziologie – im Gegensatz zu anderen Fächern – empirisch forschen könne.

00:20:59: Christina Caprez: Ich wusste zwar nicht genau was das heisst, aber es klang gut. Und die Aussicht, selber forschen zu können bewog mich, Soziologie zu wählen.

00:21:09: Christina Caprez: Die empirische Orientierung ist der rote Faden in der Geschichte des Instituts.

00:21:15: Christina Caprez: Die Techniken zur Datengewinnung dagegen haben sich fundamental geändert.

00:21:21: Christina Caprez: Ein prägnantes Beispiel dafür ist das Rechenzentrum.

00:21:24: Christina Caprez: Der Ort, wo elektronisch Daten für die Forschungsprojekte erfasst wurden.

00:21:29: Christina Caprez: Aber das war in den Sechzigerjahren

00:21:30: Volker Bornschier: Da ging man noch mit Riesenpaketen – Lochkarten – zum Rechencentrum.

00:21:37: Volker Bornschier: Das Rechencenter war an der Weinbergstrasse damals.

00:21:40: Volker Bornschier: Also musste man vom Institut dahin und wenn man kleine Fehler gemacht hatte, dann kriegte man den ganzen Mist zurück!

00:21:48: Christina Caprez: Lochkarten – das waren tatsächlich Kartonkarten mit Löchern drin.

00:21:51: Christina Caprez: Und auf diesen Lochkarten waren die Daten registriert sozusagen.

00:21:56: Volker Bornschier: Und was man mit den Daten machen sollte, also diese Befehle, um sich das vorzustellen ich meine wir waren sehr empirisch und methodisch.

00:22:04: Volker Bornschier: Wir haben noch selbst mit Fortran programmiert, zum Beispiel Korrelationen oder wie hängen Variablen miteinander zusammen.

00:22:14: Christina Caprez: Das waren ja noch keine Computer, auch nicht diese grossen Fernsehkästen.

00:22:18: Christina Caprez: Sondern das war dann ein ganzer Raum oder wie kann man sich das Vorstellen?

00:22:21: Volker Bornschier: Ein ganzer Raum und das waren Maschinen, da wurden die Lochkarten eingelesen und dann wurden sie in der Maschine, die ungefähr wie ein halbes Zimmer war, ausgewertet und dann kam der Job raus.

00:22:35: Volker Bornschier: Also das war insgesamt auch in der Fakultät etwas Besonderes, etwas, na ja!

00:22:41: Christina Caprez: Damals, so erzählt Volker Bornschier, war das Soziologische Institut sogar der Hauptnutzer des Rechenzentrums der Universität.

00:22:52: Volker Bornschier: Volker Bornschier will mir noch etwas von damals zeigen – er nimmt ein grossformatiges Heft von einem Stapel vom Tisch.

00:22:58: Volker Bornschier: Das ist eines der frühesten, was ich noch habe, das ist Nummer 7, April 68.

00:23:05: Volker Bornschier: Da ist das Institut noch keine zwei Jahre alt.

00:23:10: Christina Caprez: «Bulletin Soziologisches Institut der Universität Zürich und El Departamento de Sociología de la Fundación Bariloche» steht auf dem Cover, das in rot-weiss gehalten ist.

00:23:19: Volker Bornschier: Da wurde also der Gestus, wie man das hinter Wissenschaft machte, praktisch früh eingepflanzt.

00:23:25: Ruth Gurny: Wenn man es geschafft hat, in diesem Bulletin etwas publiziert zu bekommen – immer als Gruppe – dann war das etwas, was schon einen Unterschied machte in Bezug auf Identifikation mit dem Institut.

00:23:41: Christina Caprez: Neben Volker Bornschier und Ruth Gurny haben in den ersten Ausgaben auch Forschende mit spanischen Namen im Bulletin geschrieben.

00:23:47: Volker Bornschier: Das ist vielleicht noch wichtig, ich meine der Heintz hat sehr viel seiner ersten Assistenten kam aus Lateinamerika, oder?

00:23:56: Volker Bornschier: Also wer war das also?

00:23:59: Volker Bornschier: Manuel Nora y Arraujo, Eduardo Arquetti.

00:24:02: Volker Bornschier: Das Bulletin war auf Englisch.

00:24:07: Volker Bornschier: Wir haben gelernt Englisch zu publizieren.

00:24:11: Volker Bornschier: Wir konnten nicht genügend Schulenglisch, aber die Susi Heintz, also die Frau von Peter Heintz, hat Englische studiert und sie machte Proofreading und Verbesserungen unserer Artikel.

00:24:27: Christina Caprez: Selbstständig forschen im ersten Semester, auf Englisch Publizieren im zweiten – ich staune, was die Soziologie-Studierenden damals schon können mussten!

00:24:36: Christina Caprez: Englisch war damals ja noch nicht so verbreitet wie heute, wo schon Kinder dank Social Media die Sprache fliessend lernen.

00:24:42: Christina Caprez: Und die Schule war noch viel hierarchischer – selbstständiges Denken wurde nicht so gefördert wie heute.

00:24:49: Christina Caprez: Und dann, Anfang der Siebzigerjahre, hatten Ruth Gurny, Volker Bornschier und die anderen Studierenden der ersten Stunde, ihr Lizentiat in der Tasche.

00:25:00: Christina Caprez: Zur selben Zeit im Jahr 1972 strahlte Radio DRS eine Diskussionssendung mit dem Titel «Akademisches Proletariat» aus. Ein damals populäres Schlagwort, das die Sorge beschrieb, Uni-Absolvent:innen – und ganz besonders solche der Soziologie – würden keine Arbeit finden.

00:25:18: Wann immer das Schreck Gespenst eines akademischen Proletariats an die Wand gemalt wird, denkt man in erster Linie an die Soziologen.

00:25:27: Die Soziologen – so heisst es – hätten nur schlechte Berufsaussichten und seien daher die potenziellen Unruhestifter.

00:25:35: Bilden wir wirklich zu viele Soziologen aus?

00:25:38: Christina Caprez: Du lachst schon bei diesem Stichwort. Warum?

00:25:43: Ruth Gurny: Diese elende Angst, dass man zu viele Menschen ausbildet, die universalistische Kenntnisse haben, die gut einsetzbar sind an vielen Orten, ein gutes kritisches Potenzial mitbringen für welche Jobs auch immer?

00:25:57: Ruth Gurny: Das war immer schon als Thema. Das ist heute wieder das Thema.

00:26:01: Christina Caprez: Also vor allem dieser Soziologen gelten offenbar als arbeitslos.

00:26:04: Ruth Gurny: Ich denke, es war einfach eine Verunglimpfung einer bestimmten Studienrichtung.

00:26:09: Ruth Gurny: Und wie verunglimpft man, ohne das so beim Namen zu nennen? Ja man sagt «ja die werden zum Politariat, die fallen dann im Staat auf die Tasche, die werden arbeitslos».

00:26:20: Christina Caprez: Die Soziologie polarisierte in Zürich also nach wie vor.

00:26:23: Christina Caprez: Doch zumindest für die Schüler:innen von Peter Heintz war die Soziologie keine brotlose Kunst, denn Bundesämter und Gemeindeverwaltungen interessierten sich in den Siebzigerjahren zunehmend für Sozialforschung.

00:26:35: Patrick Ziltener: Also es gibt seitens der Behörden hier ein Interesse an Daten.

00:26:39: Patrick Ziltener: Das setzt langsam ein und das Soziologische Institut ist der Ort, wo man sich hinwendet.

00:26:45: Patrick Ziltener: Es ist beeindruckend, wie viele solche Forschungsaufträge das SUZ dann auch angezogen hat und wie viele Projekte es durchgeführt hat.

00:26:52: Das SUZ ist übrigens das Soziologische Institute in Zürich.

00:26:55: Volker Bornschier: Wir hatten recht viele Aufträge von Gemeinden für kleinere Studien, wenn es darum ging Einschätzungen zu Umfahrungsstrassen oder zu Dorfkernplanung usw.

00:27:07: Volker Bornschier: Peter Heintz hat sich sehr engagiert und hat auch immer neben seiner weltoffenen und Problemen nachholender Entwicklung immer auch für konkrete Probleme interessiert in der Schweiz.

00:27:21: Volker Bornschier: Das kam vom Bundesrat oder von einer hohen Bundesverwaltung, dass er angesprochen wurde und dann hat da immer das gemacht.

00:27:29: Volker Bornschier: Also ich meine «Die Stellung der Frau in Familie und Gesellschaft» ist etwas was die sagten, darüber muss man forschen und er sagte also das könnten wir.

00:27:37: Volker Bornschier: Und dann musste der arme Thomas Held und René Levy, die waren im zweiten Semester, haben diese Studie gemacht.

00:27:46: Christina Caprez: Als Volker Borschnier das sagt denke ich habe mich verhört. Eine Studie im Auftrag des Bundesrats zur Situation der Frauen in der Schweiz, durchgeführt von zwei Studenten ganz am Anfang ihres Studiums. Nicht irgendwelche Studenten, sondern René Levy, der später Soziologieprofessor in Lausanne wurde, und Thomas Held, der als Sprecher der Achtendsechziger Bewegung bekannt wurde und später den wirtschaftsnahen Think Tank Avenir Suisse führte.

00:28:12: Thomas Held: Ja das ist eine glaube ich lange Geschichte.

00:28:16: Christina Caprez: Das ist er, Thomas Held.

00:28:17: Christina Caprez: Ich wollte es genauer wissen und habe ihn für diesen Podcast getroffen.

00:28:20: Christina Caprez: Und Sie waren noch relativ am Anfang des Studiums?

00:28:24: Thomas Held: Ja, ja. Wir waren relativ am Anfang des Studiums und es ist völlig undenkbar heute so etwas nicht.

00:28:31: Thomas Held: Die Studie hat natürlich einfach zu einem grossen Aufruhr geführt.

00:28:35: Thomas Held: René Levy und ich waren da an einem bestimmten Punkt in dieser Auseinandersetzung, da waren wir echt besorgt.

00:28:42: Tomas Held: Also da hatten wir weg das Gefühl jetzt, Wissenschaft: zerstört , Laufbahn: Ende.

00:28:48: Christina Caprez: Dazu aber später mehr in der nächsten Folge dieses Podcasts.

00:28:57: Christina Caprez: Zurück zu den Berufschancen der Zürcher Soziolog:innen der ersten Stunde.

00:29:00: Christina Caprez: Patrick Ziltener hat beobachtet, dass viele von ihnen eine akademische Laufbahn einschlugen.

00:29:05: Christina Caprez: Du hast mal gesagt, sehr pointiert, Zürich wird zur Kaderschmiede der Schweizer Soziologie?

00:29:11: Patrick Ziltener: Es betrifft vor allem die erster und zweite Schülergenerationen, die einerseits trainiert wurden im Forschungsstudium empirischer Forschung zu betreiben und akademische Ambitionen hatten.

00:29:24: Patrick Ziltener: Also die wurden praktisch alle Professoren irgendwo.

00:29:27: Christina Caprez: Also ein extrem erfolgreich, auch in der Nachwuchsförderung, eigentlich?

00:29:31: Patrick Ziltener: Genau, kann man sagen und es gab eigentlich noch praktisch keine Institutionen oder Fördertöpfe.

00:29:37: Patrick Ziltener: Also das waren alles eigentlich Getriebene.

00:29:42: Christina Caprez: Peter Heintz hat also, entgegen aller Skepsis, eine immense Aufbauarbeit geleistet, die Forschung zur Weltgesellschaft etabliert und in seinen Studierenden ein inneres Feuer geweckt.

00:29:53: Christina Caprez: Einer von ihnen, Volker Bornschier, hat das Erbe seines Lehrers weitergetragen.

00:29:57: Volker Bornschier: Ich hatte sehr bald, nach dem ersten Abschluss, bereits Kontakte mit den Sozialwissenschaften in Deutschland und habe dann ein Grant bekommen – sehr viel Geld!

00:30:09: Volker Bornschier: 800'000 oder eine Million.

00:30:13: Volker Bornschier: Und damit haben wir ein grosses Team in den Siebzigerjahren organisiert und da hatten wir gesammelt aus allen möglichen Quellen, speziell in New York bei der UNO, und haben das zusammengestellt.

00:30:27: Volker Bornschier: Und das war sehr, sehr begehrt und viele haben lange Zeit also weltweit mit diesen Daten auch gearbeitet.".

00:30:36: Christina Caprez: Als ich Ende der neunziger Jahre Soziologie studierte, war Volker Bornschier Professor in Zürich und eine prägende Figur am Institut.

00:30:43: Christina Caprez: Ich habe ihn noch genau vor Augen mit seinem charakteristischen Schnauz dem eleganten Auftreten.

00:30:48: Christina Caprez: Sein Thema «Weltsystemanalyse» schien mir aber recht abstrakt und ich habe nur eine Einführungsveranstaltung bei ihm besucht.

00:30:57: Christina Caprez: Vielleicht hab' ich da etwas verpasst, denke ich jetzt.

00:31:00: Volker Bornschier: Also diese Ambivalenz und langfristig negative Effekte der sogenannten multinationalen oder transnationalen – das war ein grosses Thema!

00:31:09: Volker Bornschier: Das hat mich auch international sehr berühmt gemacht, oder?

00:31:13: Christina Caprez: In den Achtziger und Neunzigerjahren war die Mainstream-Meinung, multinationale Konzerne helfen den Entwicklungsländern vom Fleck zu kommen.

00:31:21: Marc Herkenrath: Ganz krass im Gegensatz dazu standen die Forschungsergebnisse, die dann hier am Institut Professor Bornschier vertrat – die Präsenz multinationaler Konzerne in Entwicklungsländern schadet der Entwicklung!

00:31:33: Marc Herkenrath: Das hat er quantitativ belegen können.

00:31:36: Christina Caprez: Das ist Mark Herkenrath, der seinerseits später die Forschung von Volker Bornschier weiterführte.

00:31:42: Christina Caprez: Mehr von ihm in Folge 5 dieses Podcasts.

00:31:49: Christina Caprez: Auch Ruth Gurny blieb nach dem Studium zuerst an der Uni. Sie ging nach Kanada, schrieb eine Doktorarbeit über franko-kanadischen Nationalismus und hatte nach ihrer Rückkehr Forschungs- und Lehraufträge in Zürich.

00:32:01: Christina Caprez: Also eine Frage ist mir schon wichtig, weil du hast die Dissertation gemacht in Kanada und dann zurück in der Schweiz, auch weiter geforscht.

00:32:08: Christina Caprez: Warum bist du nicht Professorin am Soziologischen Institut der Uni Zürich geworden?

00:32:15: Ruth Gurny: Ich hatte dann bereits zwei kleine Kinder zusammen mit meinem Partner und ich fand schon damals, dass diese Anforderung an geografischer Mobilität, die man da bringen muss, eigentlich unerträglich ist.

00:32:27: Ruth Gurny: Ich denke, so gehen viele Leute verloren, auch weil natürlich bei uns jetzt, im Vergleich zum Beispiel zu Kanada, die hierarchische Spitze der universitären Positionen derart eng, derart schmal wird.

00:32:40: Ruth Gurny: Das ist unsinnig.

00:32:41: Ruth Gurny: Ich denke mir das ist ein grober grosser Fehler der heutigen Akademie.

00:32:47: Christina Caprez: Ruth Gurny arbeitete als Gewerkschaftssekretärin und als Dozentin an der Hochschule für Soziale Arbeit.

00:32:53: Christina Caprez: In den neunziger Jahren wurde sie doch noch Professorin, an der neu gegründeten Zürcher Fachhochschule for Angewandte Wissenschaften ZHAW, wo sie den Forschungsbereich aufbaute.

00:33:03: Christina Caprez: Bis heute – mit 78 Jahren – engagierte sich sozialpolitisch im linken Think Tank «Denknetz».

00:33:08: Christina Caprez: «Denknetz« entwickelt sie Ideen für gerechtere Sozialversicherungen.

00:33:13: Christina Caprez: Volker Bornschier hingegen verabschiedete sich mit der Pensionierung von der Soziologie und widmet sich seither ganz seine Leidenschaft, der Malerei.

00:33:22: Christina Caprez: An seinem Hauptwohnsitz im südspanischen Málaga hat er sich ein Atelier eingerichtet.

00:33:27: Volker Bornschier: Ich habe immer Kunst gemacht.

00:33:28: Volker Bornschier: Ab vierzehn Jahre habe ich Kunst gemacht und hätte mir vorstellen können, dass ich auch Künstler geworden wäre.

00:33:36: Christina Caprez: Wow!

00:33:37: Christina Caprez: Volker Bornschier anstatt vorne im Hörsaal ein Leben lang an der Staffelei?

00:33:42: Christina Caprez: Er steht auf und zeigt mir ein kleinformatiges Ölbild, das an der Wand hängt.

00:33:47: Christina Caprez: Eine abstrahierte Landschaft mit Bäumen und Hügeln in Pastelltönen.

00:33:52: Volker Bornschier: Das ist ein 66 gemalt worden, als die Soziologie gegründet wurde.

00:34:01: Volker Bornschier: Da steht auch Zürich dran!

00:34:02: Christina Caprez: Das haben Sie in Zürich gemalt?

00:34:04: Volker Bornschier: Ja ja ja...

00:34:05: Christina Caprez: Das fasziniert mich.

00:34:07: Christina Caprez: Ein Bild aus dem Gründungsjahr des Soziologischen Instituts, gemalt von einem, der eigentlich Künstler werden wollte – und sich dann für die Soziologie begeisterte.

00:34:16: Christina Caprez: Wenn ihr euch das Bild von Volker Bornschier übrigens anschauen wollt, geht aufs Instaprofil des Soziologischen Instituts. Dort zeigt er es in einem Video.

00:34:24: Christina Caprez: Peter Heintz, der Institutsgründer, konnte die Werdegänger seiner Schüler:innen nicht mehr lang verfolgen.

00:34:36: Christina Caprez: Er wollte gerade eine ähnliche komparative Studie, die er in Lateinamerika gemacht hatte, also nachholende Entwicklung, für Afrika machen.

00:34:46: Volker Bornschier: Das war alles vorbereitet und dann ist er ins Krankenhaus gekommen und wir haben gebetet, aber es half nichts.

00:34:55: Ruth Gurny: Er war ja dann sehr, sehr krank und ich habe ihn danach besucht im Spital, auch ein wenig zu ihm zu sagen, dass ich …

00:35:09: Ruth Gurny: Ich bin ein bisschen nah am Wasser geworden bin.

00:35:11: Ruth Gurny: Das hat mir sehr leid getan. 00:35:115] Christina Caprez: …also, dass er krank wurde?

00:35:21: Ruth Gurny: Ja, dass er sterben wird.

00:35:24: Ruth Gurny: Da hab ich auch gespürt, diese unendliche Unfähigkeit, Nähe zuzulassen. Wahnsinnig!

00:35:31: Christina Caprez: Willst du eine Pause machen?

00:35:38: Christina Caprez: Ruth Gurny nimmt dann Taschentuch zur Hand und trinkt einen Schluck Wasser.

00:35:46: Christina Caprez: Später finde ich ein Büchlein mit den Trauerreden, die die Weggefährten von Peter Heintz an der Abdankungsfeier in der Fraumünster Kirche in Zürich hielten.

00:35:55: Christina Caprez: Kollege Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny war für den Anlass aussergewöhnlich ehrlich.

00:36:01: Christina Caprez: Er zitierte den berühmten Soziologen Norbert Elias, der schrieb, dass Menschen heutzutage eine Scheu hätten, öffentlich starke Gefühle zu zeigen.

00:36:10: Christina Caprez: Hoffmann-Nowotny wörtlich, hier gelesen von einem Sprecher

00:36:15: Starke Emotionen öffentlich Ausdruck zu verleihen war auch Peter Heintz nicht gegeben.

00:36:23: Die Öffentlichkeit – Das grosse Forum waren nicht sein Feld und im unvertrauten Kreis problemlos zu kommunizieren, fiel ihm ebenfalls nicht leicht.

00:36:36: Ruth Gurny: Ich denke mir, dass er unglaublich prägend hätte sein können für die Soziologie, wenn seine kommunikativen Kompetenzen einfach stärker ausgeprägt gewesen wären.

00:36:52: Ruth Gurny: Er hat es den Leuten nicht leicht gemacht sich ihm zu nähern.

00:36:58: Ruth Gurny: Es macht mich ein bisschen traurig, weil ich denke mir, dass dieser Fokus auf Schichtungsthematiken wirklich wichtig ist, etwas sehr Zentrales für die Soziologie.".

00:37:10: Christina Caprez: Mit Schichtungsthematik ist die Unterteilung der Gesellschaft in verschiedenen Schichten oder Klassen mit mehr- oder weniger Macht gemeint.

00:37:16: Ruth Gurny: Und das hat er etabliert hier. Das hat viele von uns diesbezüglich sehr stark geprägt.

00:37:27: Christina Caprez: Das werden wir in den kommenden Episoden ja auch hören im Podcast.

00:37:29: Christina Caprez: Was ist das denn, was du bedauerst?

00:37:31: Christina Caprez: Da war noch das unausgeschöpfte Potenzial, sozusagen?

00:37:35: Ruth Gurny: Wahrscheinlich, dass kaum noch jemand von Peter Heintz spricht.

00:37:40: Ruth Gurny: Eigentlich ist es das, was ich denke, was sehr schade ist.

00:37:48: Christina Caprez: Später, in der Radiosendung über das Akademische Proletariat, hören Ruth Gurny und ich plötzlich die Stimme von Peter Heintz – ein Hühnerhautmoment für uns beide!

00:38:03: Peter Heintz: Zweifellos nicht nur die Funktion, ein Instrument zu sein zur Erfüllung von bestimmten Anforderungen, die die Berufe stellen.

00:38:15: Peter Heintz: Es ist zweifellos auch noch eine andere Bedeutung, nämlich die, dass Bildung die Grundlage darstellt, damit der Einzelne sich in der Welt ganz allgemein zurechtfindet.

00:38:28: Peter Heintz: Und unter diesem Gesichtspunkt könne von einem Akademiker Überschuss keine Rede sein.

00:38:34: Peter Heintz: Ich glaube, man muss es genau umgekehrt formulieren und sagen, dass es ein grosses Akademikerdefizit gibt.

00:38:43: Ruth Gurny: Wunderbar! Ja ich denke mir, genau so ist.

00:38:46: Ruth Gurny: Es kann nicht genug Menschen geben die fähig sind, die Welt anzuschauen, zu versuchen zu verstehen, was in dieser Welt passiert und dieses Wissen dann auch einbringen als Teile dieser Gesellschaft.

00:39:09: Christina Caprez: In der nächsten Folge erfahren wir, was Soziologiestudierende in der Strasse und am Institut machten.

00:39:15: François Höpflinger: Da wurde ich verhaftet aber nicht am Tag des Globuskrawalls sondern nachher.

00:39:22: François Höpflinger: Wir haben da etwas qualitativ Interviews geführt mit Leuten, die dabei waren.

00:39:27: François Höpflinger: Da wurde sichtbar, dass ein Teil der Leute, die verhaftet wurden bei dem Globuskrawall, die wurden von der Polizei dann ziemlich brutal behandelt.

00:39:37: François Höpflinger: Und das haben wir thematisiert und das war natürlich auch nicht beliebt bei der Polizei.

00:39:41: François Höpflinger: Da wurde ich danach verhaftete.

00:39:45: Christina Caprez: Die nächste Folge erscheint in einer Woche – ihr findet sie im Podcast Player eurer Wahl oder im Netz auf suz.uz.ch/podast.

00:39:54: Christina Caprez: Das ist Weltenblick – 60 Jahre Soziologie in Zürich.

00:40:13: Christina Caprez: Wenn euch dieser Podcast gefällt, dann folgt uns und empfiehlt uns weiter.

00:40:17: Christina Caprez: Wir freuen uns darüber!

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