6 – Perspektiven entwickeln

Shownotes

Welche Perspektiven entwickeln Soziolog:innen nach Abschluss des Studiums? In dieser Folge erzählen zwei sehr unterschiedliche Menschen von ihrem Werdegang.

Marc Herkenrath erlebte während eines Austauschjahrs als 16-Jähriger in Argentinien die Wirtschaftskrise hautnah. Im Soziologiestudium fand er Erklärungen dafür. Als Entwicklungssoziologe setzte er die Tradition der Globalisierungsforschung fort, die am SUZ seit den Anfängen existierte. Nach seiner Habilitation entschied er sich gegen eine akademische Laufbahn und für eine Stelle beim entwicklungspolitischen Think Tank Alliance Sud – er wollte die Welt nicht nur beschreiben, sondern zu einer Veränderung beitragen.

Tabitha Gassner setzte sich im Studium mit Gesundheit und Prävention auseinander. Die theoretische Beschäftigung mit Sucht half ihr, mit dem Rauchen aufzuhören. Als frisch gebackene Soziologin und Mutter realisierte sie, dass niemand auf sie gewartet hatte. Nach monatelanger Arbeitslosigkeit fand sie eine Stelle auf einer Suchtpräventionsstelle und machte dann eine beachtliche Karriere. Heute ist sie als Direktorin Soziale Einrichtungen und Betriebe Stadt Zürich eine der obersten Drogenverantwortlichen der Stadt.

Ein Podcast im Auftrag des SUZ, des Soziologischen Instituts der Uni Zürich. Projektteam SUZ: Claudia Hiestand, Patrick Ziltener, Hanna Ochsner, Nico Keiser.

Recherche, Produktion und Moderation: Christina Caprez. Mastering und Sounddesign: Christina Baron. Dramaturgische Beratung: Franziska Engelhardt.

Zu hören auf diversen Podcastplayern oder auf suz.uzh.ch/podcast.

Marc Herkenrath ist heute Titularprofessor am Soziologischen Institut der Universität Zürich.

Tabitha Gassner ist Direktorin Soziale Einrichtungen und Betriebe der Stadt Zürich.

Zur erwähnten SRF Arena-Sendung mit Marc Herkenrath.

Transkript anzeigen

00:00:01: Ich war in Schweizer Verhandlungsdelegation dabei.

00:00:03: Da konnte ich viele von meinen Ergebnissen direkt in die Politik

00:00:07: einbringen.".

00:00:08: Das Wichtigste war, dass sich nicht alles wissen muss und das ich dann gut bin wenn ich gute Fragen stelle.

00:00:30: die ganz unterschiedliche Wege eingeschlagen haben.

00:00:33: Er ging in die Entwicklungspolitik, und sie in die Suchtprävention.

00:00:54: Außerdem sprechen wir über die unsicheren Perspektiven nach dem Soziologiestudium.

00:00:58: Vier Wochen nach meinem Abschluss habe ich meine erste Tochter geboren, lief und musste also ganz viele Bewerbungen schreiben.

00:01:05: Ich war dann zuerst mal bei der

00:01:06: Arbeitslosenkasse.".

00:01:07: Und darüber wie das Leben manchmal ganz anders spielt als man zunächst meint….

00:01:12: «Ich hab die Stelle bekommen und ich denke so eine ganz wichtige gute Entscheidung.

00:01:17: Ich hab auch als Soziologe ganz viel dazugelernt.».

00:01:21: Zuerst noch der Blick zurück!

00:01:22: In der letzten Folge haben wir eine Migrationsforscherin kennengelernt, die die Biografien von Sekondos untersuchte.

00:01:28: Jenseits von der Defizitorientierung.

00:01:31: Es entstand wie ich beschrieben habe diese Faszination auch für Aufsteigerbiographie.

00:01:37: Und wir haben gehört, wie wichtig die Mediensoziologie um die Jahrtausendwende wurde und wie aufreibend die Aufbearbeit dieses Forschungsbereichs war.

00:01:45: Wo

00:01:45: Feuer brennt kann es auch zu werden als kommen!

00:01:49: Das ist Weltenblick.

00:01:50: – Sechzig Jahre Soziologie in Zürich.

00:01:52: Folge sechs, Perspektiven entwickeln.

00:02:01: Es ist ein heißer Sommertag wie gefühlt jeder in diesem Hitzejahr.

00:02:05: Ich bin auf der Bäckeranlage in Zürich Der Bäcki Wie die Leute im Quartier ihren Park nennen.

00:02:11: Auf der Wiese bereiten ein paar Latinas einen Grill vor.

00:02:15: Im Schatten eines Baumes liest ein junger Mann in einem Buch In einem flachen Wasserbecken planchen Kinder Hinten.

00:02:22: in einer Ecke sitzt eine Gruppe von Menschen auf einer Bank Denen man ansieht dass es ihnen nicht gut geht.

00:02:29: Auf mich wirken sie verwahrlos, vermutlich suchtkrank.

00:02:33: Auf der anderen Seite des Parks bin ich mit meiner ersten Gesprächspartnerin verabredet.

00:02:40: Ich wohne selbst in der Stadt Zürich und im Kreis Dreie.

00:02:44: Bin Direktorin für soziale Einrichtungen und Betriebe.

00:02:47: Bin aber auch ehemalige Soziologiestudentin.

00:02:51: Und bin auch Mutter, Freundin, Ehefrau und leidenschaftliche Gärtnerin.

00:02:56: Wir setzen uns auf eine Bank.

00:02:57: zwischen Restaurant- und Sandkasten.

00:03:00: Gleich um die Ecke habe ich Ende der Neunzigerjahre als Studentin gelebt.

00:03:04: Damals trafen sich vor allem Alkohol und andere Süchtige in der Becky.

00:03:08: Wenn ich mit dem Velo zur Uni fuhr, sah ich sie auf den Banken sitzen.

00:03:12: Ich wäre damals nicht auf die Idee gekommen im Park zu picknicken oder zu lesen.

00:03:17: Im Vergleich dazu wirkt der Park heute extrem idyllisch Aber ich merke rasch dass Tabitha Gassner einen ganz anderen Blick auf die Becky hat als ich.

00:03:26: Die suchtkrankten Menschen in der anderen Ecke des Parks machen ihr Sorgen.

00:03:30: Viele Menschen konsumieren erst dann im öffentlichen Raum, wenn sie einen hohen Beschaffungsdruck haben beispielsweise und keine adäquate Wohnform haben.

00:03:41: Also die Sucht ist schon sehr weit fortgeschritten.

00:03:44: Drogenkonsum im öffentlicher Raum sei aber nicht nur für die Konsumierenden selber ein Problem.

00:03:49: Gleich neben der Bäckeranlage befinden sich drei Schulhäuser.

00:03:52: Wie viel Koexistenz verträgt ein Quartier?

00:03:58: Das ist in Quartieren auch unterschiedlich.

00:04:00: Ein gentrifiziertes Quartier haben wir die Erfahrung verträgt weniger Lärm, weniger Litering, weniger sichtbare Armut auch.

00:04:10: Tabitha Gassner beobachtet die Entwicklung genau – denn sie ist eine der obersten Verantwortlichen in der Stadt wenn es um das Drogenthema geht.

00:04:18: Ihr Themenspektrum als Direktorin für soziale Einrichtungen und Betriebe ist jedoch noch viel breiter Von den städtischen Kitas über die Notschlafstellen für Obdachlose bis hin zu Beratungsstellen für Sexarbeitende.

00:04:30: Wir

00:04:30: sind grob gesagt dafür zuständig, dass in der Stadt Zürich alle Menschen ein Leben in Würde führen

00:04:35: können.".

00:04:36: Eine Position mit Verantwortung – Tausend Mitarbeitende an Sechzig Standorten gehören zur Abteilung, wie Tabitha Gassner leitet.

00:04:43: Die forty-sechsjährige hat einen langen Weg hinter sich.

00:04:46: Wenn sie zurückdenkt an sich als Jugendliche muss sie schmunzeln!

00:04:50: Ich hatte eigentlich die klare Vorstellung, dass ich die Welt verändern will.

00:04:55: Nach der Matur bin ich ein Jahr nach Kolumbien und habe in einem Gefängnis gearbeitet für Minderjährige, weil ich halt die Welt verbessern wollte.

00:05:03: Man kann sich das vorstellen so als erst Weltlerin – ich hab' die Welt nicht verändert aber wie man auf Schweizer Alt sagt wird es sünftig auf die Welt kommen!

00:05:11: Und was hast du da realisiert?

00:05:13: Dass es nicht so einfach ist, die Welt zu verbessern.

00:05:16: Die ist auch bei einer Makrovebene dass das extrem komplexes ist.

00:05:22: Und auf der Mikroebene habe ich gemerkt, wenn ich selber einen Beitrag leisten will, dann mache ich das am besten da wo ich zu Hause bin.

00:05:30: Wo ich am ersten die Mechanismen verstehe, die es dazu

00:05:34: braucht.".

00:05:35: Und so kam Tabitha Gassner auf die Idee, Soziologie zu studieren.

00:05:42: Auch für Marc Herkenrad den zweiten Gesprächspartner dieser Podcastfolge war ein Auslandaufenthalt ausschlaggebend für die Studienwahl.

00:05:49: Ich treffe den fifty vierjährigen an der Uni Und zwar schräg ich hinüber vom Hauptgebäude an der Rheemisch-Straße

00:05:56: n.a.

00:06:04: In diesem stattlichen Gebäude war das SUZ, das Soziologische Institut von neunundhundert und achtzig bis zwei tausendvier beheimatet.

00:06:11: Hier haben wir beide studiert Mark Herkenrat Mitte der Neunziger Ich ein paar Jahre nach ihm.

00:06:17: Also bei mir kommt die ganz großen Gefühle auf wie damals beim Studienbeginn Hier auf dem Pausenplatz vor dem Institut haben wir dann immer uns besammelt zwischen den Vorlesungen und da ist so ein bisschen Familie auch entstanden mit den Kommilitoninnen, den Kommitonen.

00:06:36: Ich habe das Gefühl ich bin hier am Institut irgendwie auch ein bisschen erwachsen

00:06:41: geworden.".

00:06:42: Mark Herkenrat war zwanzig – und eben erst von einem Auslandjahr in Lateinamerika zurückgekehrt Eine Erfahrung, die auch bei ihm das Interesse an Gesellschaftsthemen weckte.

00:06:51: Gerade

00:06:52: in Argentinien war für mich sehr spannend zu beobachten wie die gerade erst aus der Militärdiktatur herauskamen wahnsinnig glücklich waren wieder in der Demokratie zu leben.

00:07:03: und ich eingebildeter Schweiz hatte irgendwie das Gefühl aber das ist doch gar keine richtige Demokratie.

00:07:07: bei uns funktioniert das alles anders.

00:07:09: Ein prägendes Erlebnis.

00:07:11: Am liebsten hätte Mark Herkenrat Entwicklungszusammenarbeit studiert Aber das gab es in der Schweiz noch nicht.

00:07:17: So schrieb er sich hinzürich für Soziologie

00:07:19: ein.

00:07:19: Ich hatte wahnsinnig Glück, das wusste ich aber vorher ehrlich gesagt nicht.

00:07:22: Das Professor Bransch hier genau in dem Bereich in der Soziologie tätig war Weltgesellschaftsforschung internationalen Entwicklungsunterschiede.

00:07:31: also da bin ich eigentlich ohne das vorher zu wissen genau am richtigen Ort angekommen.

00:07:37: Schön!

00:07:37: Dann gehen wir mal mit den Augen des Studentens das frisch gebackene Mark Herkenrad hier rein Und die Tür geht automatisch auf.

00:07:45: War das damals auch schon so?

00:07:46: Ja, glaube ich nicht so, nein!

00:07:50: Wir gehen die steile Treppe hoch – der große Hörsaal steht offen und ist leer.

00:07:55: Da hatten wir die Einführung in die Soziologie, die Einführung in den Soziologischen Theorie.

00:08:02: Das war in den neunziger Jahren eine politische Pflautezeit.

00:08:06: Die bewegten Achtziger waren vorbei.

00:08:08: Mark Herkenrad erlebte seine Generation als apolitisch und konsumistisch

00:08:13: Und ich hatte irgendwie das Gefühl, in der Soziologie versammeln sich die jungen Menschen, die politisch interessiert sind.

00:08:19: Die auch gewisse Selbstverständlichkeiten infrage stellen und das war auch ein gutes Gefühl an einem Ort zu sein wo viele Menschen zusammenkommen, die da ein bisschen hinter die Kulissen schauen

00:08:31: möchten.".

00:08:32: Mark Herkenrat gerät ins Schwärmen wenn er an seine Studienzeit zurückdenkt.

00:08:36: Für mich war es Heimat dieses Institut an der Remy Strasse n.a

00:08:42: Tabitha Gassner hat rund zehn Jahre Nachmark-Herrkenrat hier studiert.

00:08:46: Sie hat das Studium ganz anders in Erinnerung.

00:08:49: Ich habe mich ehrlich gesagt sehr verloren gefühlt, mir hat der Klassenverbund sehr gefehlt.

00:08:54: Es gab keine Präsenzkontrollen und keine Dozierenden die sich für einen interessiert hätten.

00:08:59: Ich fand es auch sehr anspruchsvoll zu selbstdisziplinieren zu sein.

00:09:05: man konnte ja auch einfach fehlen.

00:09:07: Ich habe damals in der Gastronomie gearbeitet und viele Nachtschichten absolviert.

00:09:11: Das war dann wirklich schwierig, morgens aufzustehen – das kann ich wirklich klar

00:09:16: sagen.".

00:09:17: Wenn sich Tabitta Gassner aus dem Bett gequält hatte, war sie oft enttäuscht von der Qualität der Seminare.

00:09:23: Denn die bestanden oft aus Vorträgen der Studierenden.

00:09:26: Die waren häufig auch nicht sehr gut.

00:09:29: Es ist dialogisch, wir hatten alle weniger Erfahrung.

00:09:32: Ich fand es teilweise wirklich nicht sehr spannend.

00:09:37: Was sie dranbleiben ließ, waren die Themen.

00:09:39: Sie fing Feuer für die Gesundheitssoziologie.

00:09:42: Das war sehr persönlich motiviert.

00:09:44: Ich habe damals mit Rauchen aufgehört und musste mich das gelangen, sehr mit dieser Thematik verziefen.

00:09:51: Tabitha Gassner hatte vorher Kette geraucht – dass Aufhören viel ihr nicht leicht.

00:09:55: Da helft die soziologische Perspektive.

00:10:00: Wie funktionieren Präventionsmechanismen?

00:10:03: Was hat man in den Lokalen noch?

00:10:05: rauchen, das duschen wir damals noch.

00:10:06: Wer profitiert davon?

00:10:08: Welche Ideen gibt es im Ausland?

00:10:10: All diese Fragestellungen haben mich damals sehr interessiert.

00:10:15: und dann in einem weiteren Sinn des Thema Gesundheitssoziologie.

00:10:18: Da habe ich danach wirklich den Abschluss

00:10:19: gemacht.".

00:10:21: Gesundheit und Sucht – Das sind Themen die Tabitha Gassner bis heute stark beschäftigen als Direktorin für soziale Einrichtungen.

00:10:32: Auch Mark Herkenrat fand am Soziologischen Institut sein Lebensthema.

00:10:37: Bei ihm war es die Entwicklungssozologie.

00:10:40: Ende der neunzeiger Jahre, das war so die neoliberale Zeit, wo man die wirtschaftliche Globalisierung glorifiziert hat und alles wird besser.

00:10:52: Doch in der Soziologie hinterfragte man diese Meinung – und schaute genauer hin!

00:10:56: Mark Herkenrat fand diesen Ansatz so faszinierend, dass er nicht nur sein Lizenziat in Entwicklungssoziologie schrieb, sondern nach dem Studium noch eine Doktorarbeit und eine Habilitation.

00:11:07: Bis heute unterrichtet er zu diesem Thema am Sutz.

00:11:11: Um mir einen Einblick in die Globalisierungsforschung am Institut zu geben, lädt er mich in seine Vorlesung ein – Freitags im Zürich-Örlikon wo sich das Institut seit Jahr zwei Tausend vier befindet!

00:11:25: Auf dem Weg kommt mir in den Sinn, was Tabitha Gassner und Marc Herkenrat über den Umzug des Instituts nach Örlikon erzählt haben.

00:11:32: Sie stammt damals als Studentin kurz vor dem Abschluss – er war schon Assistent!

00:11:36: So dieses Gefühl, dass man Teil einer langjährigen Tradition von akademischer Reflexion ist, das stellt sich in einem so modernen Gebäude wie in Örrikon dann nicht wirklich ein.

00:11:51: Ich fand es ehrlich gesagt schade.

00:11:54: Ich habe Ölikon einfach wie ein Bürogebäude empfunden.

00:11:57: Kalt, etwas

00:11:59: selenlos.".

00:12:01: Dann tat man auch nicht den Blick über die ganze Stadt sondern man schaut dann so quasi an die Emil Frey-Garage rüber.

00:12:10: Weiß nicht ich bin nicht Psychologe aber irgendwie hab' ich das Gefühl dass macht etwas mit einem!

00:12:16: Heute sieht Mark Herkenrat auch die Vorteile des neuen Standorts

00:12:20: Die Andreasstraße Tolle Seminarräume, tolle Vorlesungssäle, coole Infrastruktur.

00:12:30: Es ist nie zu heiß oder zu kalt und sehr

00:12:34: komfortabel.".

00:12:36: Über die Gründe des Umzugs gibt es verschiedene Gerüchte – er sei ein Rausschmess gewesen, sagen manche wie Eva Mai.

00:12:43: Wir haben mitgekriegt, dass das von der Unileitung hier immer ein bisschen unter Druck war.

00:12:47: Dass jetzt ausgerechnet die Soziologie und nicht Juus oder so in diesem wunderschönen Gebäude

00:12:53: war.".

00:12:54: Andere sprechen von einem Schachzug der Mediensoziologie.

00:12:58: Wer dahinter war, war der Gott Imhof, der einfach hinterher in Erlikon unter der Soziologie residierte, oder?

00:13:06: Residierte wie ein Fürst – so klingt es in den Worten von Volker Bornschir.

00:13:10: In den zweitausender Jahren war Publizistik das neue Kultfach.

00:13:14: Kurt Imhof war Professor für Soziologie und Publizzistik, und baute gerade sein Völk auf – Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft von dem wir in der letzten Podcast-Folge gehört haben.

00:13:31: In Erdlikon konnte er mit den neu gegründeten Völken großzügige Büros auf einer eigenen Etage beziehen.

00:13:39: Da bin ich an der Andreasstrasse Fünfzehn.

00:13:42: Über sich Seminarräume führt das OK-Fürn und Sechs Lift A. Im Seminarraum im vierten Stock beginnt Mark Herkenrad jetzt mit seiner Vorlesung.

00:13:55: Ja, liebe Kolleginnen und Kollegen herzlich willkommen zu dieser fünften Lektion der Vorlesungen von der Entwicklungszusammenarbeit zur Entwicklungspolitik.

00:14:07: Rundeindutzen Studierende sitzen in den Tisch rein – mit Trinkflaschen und aufgeklappten Notebooks vor sich!

00:14:13: Mir fällt auf, dass kaum ein Notebook einen Sticker trägt.

00:14:16: Sie erinnern sich in der letzten Stunde haben wir die großen Theorien der Entwicklungssoziologie kennengelernt und die kommen zu ganz konträren Aussagen was die Bedeutung der Globalisierung angeht.

00:14:31: Dependentstheorie, Modernisierungstheorie das habe ich im Studium auch mal gehört.

00:14:36: Für die Dependentstheorie ist die weltwirtschaftliche Verflechtung quasi die Ursache allen Übels für die Modernisierungstheorie, die einzige Rettung, die den Entwicklungsländern noch bleibt.

00:14:49: Weil sie ja interne Entwicklungsprobleme haben und quasi von außen her die Anstöße zur Modernisierung zu Entwicklung kommen müssen.

00:14:58: Und da ist natürlich die Frage wenn es so unterschiedliche Aussagen gibt was sagt denn?

00:15:03: Die empirische Forschung?

00:15:06: was sagt die Datenlage dazu.

00:15:08: das möchte ich heute ein bisschen vertiefen.

00:15:11: Aber zuerst geht die Frage an die Studierenden.

00:15:41: Ich denke, in meinen Organisten aber bewält

00:15:43: man Offenheit

00:15:46: eigentlich

00:15:46: schon notwendig

00:15:47: für die Entwicklung.

00:15:48: Aber ich denke

00:15:49: so wie es heute stattfindet ist das einfach

00:15:51: kein

00:15:52: fairer Trade.

00:15:54: Kein fairer trade weil die Macht zwischen den Ländern des Nordens und des Südens ungleich verteilt ist.

00:16:00: Was sagt denn nun die empirische Forschung?

00:16:02: Hier am Soziologischen Institut hat genau die Forschung zu den Entwicklungsfolgen transnationaler Konzerne ganz lange Tradition.

00:16:12: Und das schon seit den Siebzigerjahren, einer Zeit als die Soziologie anderswo noch in nationalen Kategorien verhaftet war?

00:16:19: Eigentlich ging Peter Heinz der Institutsgründer schon in den siebzigern Jahren davon aus es gibt derart intensive Verflechtungen zwischen den Ländern dass man Gesellschaft gar nicht mehr nur als nationale Geschichte als nationalistes Phänomen anschauen kann.

00:16:38: Gesellschaft ist zwingend Weltgesellschaft.

00:16:41: In den Achtzigerjahren dann waren die Forschungsresultate aus Zürich Bahnbrechen für den Streit, ob eine Eröffnung für den Weltmarkt für Entwicklungsländer vorteilhaft sei.

00:16:50: Federführend waren damals Volker Bonschier und sein Team.

00:16:53: Sie fanden heraus dass Investitionen multinationaler Konzerne kurzfristig einen Wirtschaftsboom auslösen.

00:17:00: aber nur führt.

00:17:01: drei bis fünf Jahre Mittel bis langfristig sind die Folgen für die Entwicklungs Länder negativ.

00:17:06: Es werden einheimische Unternehmen verdrängt, es werden Arbeitsplätze vernichtet.

00:17:11: Es werden zum Teil auch die politischen Strukturen auf den Kopf gestellt durch Korruption und intensive Interessenvertretung der Auslandkonzerne.

00:17:20: Was eben bedeutet langfristig?

00:17:22: Ich habe in Entwicklungsländern mit einer starken Präsenz von Auslandkonzernen weniger Wirtschaftswachstum als andere.

00:17:29: Es schadet der Wirtschaft!

00:17:32: Kurz gesagt – Volka Bončias Daten stützen die Dependentsteorie.

00:17:36: Volker Branschier hat das in seinen Vorlesungen als Ich-Student vorgetragen und hat dann auch betont, dass es wichtige Ergebnisse sind.

00:17:44: In einer Zeit, wo die Weltbank und der Internationale Währungsfonds immer mehr darauf puschen, dass sich die Entwicklungsländer öffnen müssen für ausländische Konzerne – weil sie einen neoliberalen Dogmatik folgen – zeigen doch diese Ergebnisse eigentlich genau das Gegenteil!

00:18:05: Doch Professor Borongir gestand ein, dass seine Forschung auf Daten aus den Sechziger und Siebzigerjahren beruhte.

00:18:10: Und er fragte in die Runde... Was

00:18:12: denken sie was würde herauskommen wenn man das heute also in den neunzigern Jahren untersuchen würde?

00:18:19: Stimmen die Ergebnisse noch, wenn man eine Reanalyse von damals macht oder nicht?

00:18:25: Eine Frage, die den Studenten Mark Herkenrad damals nicht mehr in Ruhe ließ.

00:18:29: Ich habe dann Das Aufgenommen, was Volker Bonschi in seinen Vorlesungen gesagt hat.

00:18:34: Man müsste das doch eigentlich mal wieder analysieren und habe das später sogar zu meiner Dissertation

00:18:41: gemacht.".

00:18:42: Resultat der Forschung von Mark Herkenrat?

00:18:44: Es ist doch ein bisschen anders als in diesen ersten Studien.

00:18:49: Nämlich die Präsenz multinationaler Konzerne ist für manche Staaten durchaus positiv – insbesondere für die Tigerstaaten Südkorea, Singapur, Taiwan und Hong Kong Ihr Erfolgsrezept?

00:19:01: Die hatten sehr strikte, sehr massive Regulierung der Aktivitäten ausländischer Unternehmen.

00:19:09: Etwa das Ausländische Firmen lokale Vorprodukte nutzten und mit einheimischen Unternehmen zusammenarbeiten mussten.

00:19:15: Zudem hätten die Tigerstaaten die Gewinnausfuhr eingeschränkt.

00:19:20: Ein Beispiel das später auch in anderen Ländern Schule machte.

00:19:23: Ende gut alles gut.

00:19:25: Nein, sagt Mark Herkenratz.

00:19:27: Denn ein solcher Schutz der Einheimischen Wirtschaft sei heute kaum mehr möglich wegen der Welthandelsorganisation – der WTO.

00:19:34: Es gab immer mehr internationale Abkommen im Rahmen des WTO aber auch bilaterale Freihandelsabkommens die genau solche regulativen Eingriffe dann eben verboten.

00:19:45: So werde es immer schwieriger für Entwicklungs- und Schwellenländer sich vor den negativen Folgen ausländischer InvestorInnen zu schützen.

00:19:54: Es ist schon bald Mittagzeit für eine Pause, doch dann ist er noch dieser Student mit seiner Frage.

00:20:00: Ja!

00:20:01: Dieser führt Regulierung

00:20:04: nicht zu tieferer Ungleichheit weil eigentlich all das was Sie aufgezählt haben

00:20:10: spricht ja für den Schutz

00:20:11: der lokalen

00:20:13: Bevölkerung

00:20:14: und ich denke auch dadurch müsste das zu wenig Ungleichkeit führen.

00:20:20: Das ist eine ausgezeichnete Frage die Aus dem Steh greift nicht sauber beantworten kann.

00:20:29: Ich gebe es hier ganz unumwunden

00:20:31: zu.".

00:20:32: Aber das wäre doch ein Thema für eine Abschlussarbeit, schlägt Mark Herkenrat vor!

00:20:37: Und lassen Sie mich dann bitte die Ergebnisse wissen?

00:20:44: Mich berührt dieser Moment in der Vorlesung – wie die Fragen hier von Generation zur Generation weitergereicht werden….

00:20:50: …von Peter Heinz zu Volker Bornschir zum Mark Herckenrat und den Studierenden von heute….

00:20:56: Wer

00:20:56: weiß?!

00:20:57: Vielleicht hören wir ja in Zukunft noch von der Forschung, die hier im Sommer XXV an der Andreasstraße in Zürich-Örlikon angeregt wurde.

00:21:07: Anders als für Mark Herkenrat war für Tabitha Gastner von Anfang an klar, dass sie nicht in die Forschung wollte.

00:21:19: Schon während des Studiums hatte sie Erfahrung bei einer Suchtpräventionsstelle gesammelt und dazu auch ihre Lizenzialarbeit geschrieben.

00:21:26: Doch sie merkte bald, dass es gar nicht so einfach war eine Stelle zu finden – als frisch gebackene Mutter mit einem Abschluss in Soziologie.

00:21:34: Nach der Mutterschaftsurlaub schrieb sie Bewerbung um Bewerbung ohne Erfolg.

00:21:39: Das war eine brutale Erfahrung!

00:21:42: Ich war ja auch stolz darauf, dass ich dieses Studium mit diesem guten Abschluss an der Tasche hatte und trotzdem zu merken und es wartet aber niemand auf dich.

00:21:51: Tabita Gastner geriet in Existenzängste wenn auch nicht finanzielle Natur

00:21:55: Aber wirklich in Bezug auf meine Rolle als Berufsfrau hatte ich Existenzängste.

00:22:01: Ich wollte nicht unfreiwillig für den Haushaltszuständig sein, ich wollte wirklich arbeiten.

00:22:07: Es war mir ganz wichtig auch im Bezug Auf Kehrarbeit und berufliche Erwerbsarbeit eine ausgeglichene Partnerschaft führen zu können.

00:22:18: Ein Bewerbungskurs auf dem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum RAF brachte dann die Wände.

00:22:23: Ich kann mich gut erinnern, dass mir der RAFberater damals gesagt hat, Frau Gassen, nehmen Sie das Kind aus dem Lebenslauf in Ihrem Alter.

00:22:30: Meinen alle, das Zweite kommt gleich und sie stellen sich nicht ein aus diesem Grund.

00:22:34: Das habe ich

00:22:35: gemacht.".

00:22:36: So klappte es dann – zunächst mit einer Mutterschaftsvertretung bei einer Suchtpräventionsstelle im Aargau.

00:22:41: Danach ging es Schritt für Schritt weiter.

00:22:43: auf der Karriereleiter Bist du heute in Position als Chefin von tausend Mitarbeitenden in der Stadt Zürich?

00:22:50: Heute bist du in dieser Leitungsfunktion, in der Stadtsürich.

00:22:53: Was brauchte es für weitere Puzzlesteine in deinem Lebenslauf, dass du jetzt hier bist wo du bist?

00:22:58: Ich glaube was für mich wichtig war, war wie nach diesem Methodenkoffer und zwar habe ich noch ein Studium gemacht die Organisationsentwicklung.

00:23:06: das war in meiner Biografie ein wichtiger Meilenstein.

00:23:10: Auch ihre eigenen Erfahrungen mit Tabaksucht und Arbeitslosigkeit helfen ihr in der aktuellen Position.

00:23:15: Zentral sei ja doch noch etwas anderes, sie habe sich diese verantwortungsvolle Position zugetraut.

00:23:22: Das ist zu das was ich auch vielen jungen Frauen gerne mitgebe je weiss dass man sich eben auch auf Stellen bewirbt auch wenn man nicht alles erfüllt.

00:23:31: Dass man auch mal den Mut hat sich selbst zu überfordern und das Vertrauen dass man es dann packt und dass es gut kommt.

00:23:39: Diese Selbstvertrauen und die Lust zur Improvisation hatte Tabitha Gassner nötig, als sie im Frühling in der aktuellen Stelle anpraten.

00:23:47: Als Direktorin für soziale Einrichtungen und Betriebe.

00:23:51: Damals wurde die Drogenszene auf der Bäckeranlage wieder sichtbarer.

00:23:54: Die Medien beschworen schon einen neuen Platzspitz herauf.

00:23:58: Seit Wochen schaut man in der Stadt Zürich mit Sorge auf den Bäckernanlagen.

00:24:01: In diesem Park mit dem Kreis IV hat sich eine neue offene Drogen-Szenengebildet, konsumiert wird vor allem Krak.

00:24:07: eine Droge mit einem riesigen Suchtpotenzial.

00:24:11: Ich war damals ganz neu und das war dann auch sehr herausfordernd in dieser riesigen Stadtverwaltung, ich bin einfach darauf los, habe die Entscheidungsträgerinnen angerufen, mit denen direkt Lösungen gesucht.

00:24:26: Eine Lösung damals war die Schaffung einer Kontakt- und Anlaufstelle ganz in der Nähe wo sich die Abhängigen beraten lassen aber auch Drogen konsumieren können.

00:24:34: Im Nachhinein aber erst!

00:24:36: hat es mir geholfen, dass ich neu war.

00:24:39: Weil zum Teil waren wir die komplexen Abläufe gar nicht so

00:24:42: bewusst.".

00:24:43: Dank der Krise hat sich Davita Gassner in Windeseile eingearbeitet – bis heute hilft ihr diese Erfahrung auch weil sie in ihrem Job oft gar nicht anders kann als rasch zu handeln.

00:24:53: Es gibt dringliche Anliegen, die knallen auf den Tisch und dann muss man ganz schnell von den richtigen Leuten einarbeiten lassen.

00:25:03: Und das ist schwierig planbar!

00:25:06: Und das hört auch nicht auf.

00:25:07: Das macht die Arbeit auch unglaublich spannend und

00:25:09: facettenreich.".

00:25:21: Auch Mark Herkenrad zog es in die Praxis, allerdings erst etwas später – denn er hatte eine vielversprechende akademische Karriereenaussicht.

00:25:30: Er hatte Feldforschung in Lateinamerika gemacht, war als teilnehmender Beobachter an Treffen mit Aktivistinnen aus aller Welt gewesen und hat seine Habilitation über die globalisierungskritische Bewegungen geschrieben.

00:25:41: Ich hatte eigentlich den Eindruck, ja ich fange mich jetzt an für Professuren zu bewerben irgendwo auf dieser Welt.

00:25:48: Und gleichzeitig hatte ich während der Feldforschung bei den Sozialen Bewegungen schon auch ein bisschen gemerkt.

00:25:54: Ich bin neidisch auf diese Menschen die die Welt verändern und ich sitze in meinem Büro.

00:26:02: Ich verändere gar nicht sich beschreibe

00:26:05: nur.".

00:26:06: Zur selben Zeit plattete er ein E-Mail in seinen Posteingang das sein Leben verändern würde.

00:26:11: Bei Allianz Süd, dem Dachverband der Schweizer Hilfswerke wäre eine Person für Entwicklungspolitik gesucht.

00:26:17: Kennst du jemanden?

00:26:18: Weißt du vielleicht deine frühere Studentin von dir oder so?

00:26:23: Das wäre die Stelle wenn ich nicht Akademiker wäre!

00:26:26: Also überqualifiziert quasi, oder?

00:26:28: Überqualifiziert

00:26:29: irgendwie im falschen Film.

00:26:30: und dann nach zwei schlaflosen Nächten hatte ich dann plötzlich das Gefühl doch...das passt schon zusammen und ich bewerbe mich jetzt mal für diese Stelle.

00:26:40: Und dann kam es

00:26:40: gut.

00:26:41: Dreizehn Jahre lang arbeitete Mark Herkenrat für Adion Süd, sechs davon als Geschäftsleiter.

00:26:48: Ich finde im Archiv einen Auftritt von ihm in der Arena – Der Polit-Talk Show am Schweizer Fernsehen.

00:26:54: Es geht um die Entwicklungspolitik und ihre Kosten

00:26:56: Aber wir können es nicht nur lösen, aber auch

00:26:58: problemlos sein

00:26:59: kann.

00:26:59: Wenn wir pro Kopf z.B.

00:27:00: diese Berechnung machen, ist das immer schlecht bei diesen Zahlen.

00:27:04: Spannend ist ja vor allem, dass die Bevölkerung der Schweiz für eine Erhöhung der Entwicklung zusammenarbeitet.

00:27:10: Ich freue mich sogar auf den SVP-Initiative, das sie will senken.

00:27:14: Die ETH Sicherheitsstudie sagt, dass der Schweizer Bevölkerung mehr Geld für die staatliche Entwicklung zusammenarbeiten kann.

00:27:23: Nebst dem, dass die Bevölkerung auch gerne entspendet ist.

00:27:26: Sie schneiden euch genau auf das eigene Fall mit

00:27:28: so einer Miele.

00:27:28: Aber diese Befältigung muss nicht

00:27:29: eineinhalb Prozent

00:27:31: mehr werden.

00:27:34: Eigentlich ist es ein Marktgeschrei.

00:27:36: Man isst in diesem Fernsehstudio und alle schreien gleichzeitig los!

00:27:42: Das hat mich sehr

00:27:43: beeindruckt.".

00:27:44: Mich beeindruckte wie Mark Herkenrath die Fassung bewahrt und wie geschickt er Studien- und Statistiken zitiert.

00:27:50: Mit Hemd, Anzug und kurz geschnittenem Haar wirkte er wie ein routinierter Politiker als ein linker Aktivist.

00:27:57: Es hilft natürlich auch wenn man einen akademischen Titel mitbringt weil einem dann vielleicht eine politische Kommission gleich in beiden Funktionen zuhört – also der NGO-Vertreter aber auch als der wissenschaftliche Experte zu diesen Themen.

00:28:15: Die akademische Redlichkeit war und ist Mark Herkenrat sehr wichtig.

00:28:19: Einfach mal was so behaupten, weil man sich die Welt so wünschen würde oder weil man ein Horrorszenario basteln will.

00:28:26: Das aber gar nicht so stimmt – das geht nicht!

00:28:28: Dann hat man misstrauen der Politik und erreicht nie wieder irgendein politisches

00:28:32: Publikum.".

00:28:34: Heute ist Mark Herkenrat Geschäftsführer des Dachverbandes der Volkshochschulen.

00:28:39: Auch in dieser Funktion ist der Lobbyist auf wissenschaftlicher Grundlage.

00:28:42: Nur das Thema ist neu.

00:28:44: Jetzt setzt er sich für eine zeitgemäße erwachsenen Bildung ein.

00:28:48: Er hat aber immer noch einen Fuß an der Universität.

00:28:51: Mit seiner Vorlesung zur Entwicklungspolitik führt er sein Herzensthema fort und zugleich auch die Tradition des Instituts.

00:29:03: Auf der Bäckeranlage ist mittlerweile Andreas Traxl zu uns gestoßen, ein Mitarbeiter von Tabitha Gassner.

00:29:09: Er ist als Netzwerker der sogenannten Sozialambulanz SIP Züri unterwegs.

00:29:13: Wie ist für dich heute die Situation hier auf der Bäckchanlage?

00:29:19: Was das Erste ist, was auffällt, dass es Kinder und Familie hat.

00:29:22: Das ist immer der erste Blick.

00:29:24: Wo existenzisch geht

00:29:26: oder?

00:29:27: Der zweite Blick gibt es irgendwo unruhr und um.

00:29:31: Und der dritte Blick ist, dass ein Gruppene hat

00:29:34: von

00:29:35: potenziell droge konsumierenden Menschen.

00:29:39: Aus dieser Erfahrung wird im öffentlichen Raum in den Becken eigentlich immer

00:29:45: konsumiert.

00:29:46: Andreas Traxel weist DrogenkonsumentInnen auf die Angebote der Stadt hin.

00:29:50: Auf die Kontakt- und Anlaufstellen etwa, wo sie sich beraten lassen und Drogen konsumieren können – abseits von öffentlichen Parkanlagen.

00:29:57: Und wenn er sieht, dass sich ein Konflikt anbahnt, dann geht er hin und vermittelt.

00:30:01: Ich war im Zistik hier.

00:30:03: Wir waren zwei Stunden auf dem Platz.

00:30:05: Dann hat es wirklich Grüppchen, die man konsumiert.

00:30:08: Es gab Schuhklassen beim Bedley.

00:30:09: Da haben wir einen Gruppen, den dort gesessen ist, gesagt, gehen wir bitte auf Bank raus.

00:30:14: und nicht nach dem Spielplatz.

00:30:16: So lange die Abmachungen noch möglich sind, hat man etwas damit zu schaffen.

00:30:21: Nicht immer läuft es so reibungslos wie an diesem Dienstag.

00:30:24: Ein Problem ist, dass immer mehr Süchtige von außerhalb in der Stadt konsumieren.

00:30:29: Manche befürchten sogar, dass in Zürich ein ähnliches Problem entstehen könnte als in den Achtzigerjahren auf dem Platz Spitz.

00:30:34: In den neunzigern Jahren hat dort ganz viel geklärt durch die ganze Platzspitze-Geschichte

00:30:39: usw.,

00:30:41: das Leid von vielen Menschen.

00:30:43: Und man hat in der Schweiz im Nachgang ganz wertvolle Arbeit geleistet und Angebote auch aus dem Boden gestampft.

00:30:52: Die Angebotslandschaft ist wieder völlig zurückgebaut worden!

00:30:55: In Kanton Zürich gibt es heute keine einzige Kontakte- und Anlaufstelle mit Konsumraum außerhalb der Stadt?

00:31:03: Das hat es früher gegeben?

00:31:04: Ja, nicht mit Konsum.

00:31:05: Es gab viel Kontakt und Anlaufstellen.

00:31:07: Es gibt viele Nutzschlafstellen.

00:31:09: Eigentlich ein Flächendecken ins Netz.

00:31:11: Heute sind die praktisch verschwunden.

00:31:14: Jetzt kommt das Thema wieder zurück.

00:31:15: Wir müssen schauen, dass wir rechtzeitig bereit sind – und zwar nicht nur in der Stadt Zürich für das, was auf uns zukommt.

00:31:25: Ich glaube, ich muss ganz ehrlich sagen, ich glaube, das ist jetzt der Anfang.

00:31:30: Ich wurde ja sozialisiert Als Teenager in den Endi-Achtziger und Nünzigerjahren.

00:31:37: Und praktisch alle aus unserer Generation haben jemanden in der Klasse gehabt, wo sie am Bladspitze verloren haben.

00:31:45: Das war eine wirklich nachhaltige Prägung von der Stadt

00:31:48: ... ... die

00:31:50: man so nah dran war und das auch erlebt hat, wenn jemand abstürzt.

00:31:56: Die Gründe warum Menschen Drogen konsumieren seien in den Achtziger Jahren jedoch andere gewesen als heute?

00:32:02: Damals war es sicher ein Aufbegehren.

00:32:04: Es war nachts der Achtzigerunruhe, man hat versucht frei zu sein und auszuprobieren – auch im Drogenbereich natürlich!

00:32:12: Und gewisse sind dann abgestürzt.

00:32:14: Heute sei das anders, sagt Andreas Traxel.

00:32:17: Heute hätten wir alle Freiheiten, stünden aber auch unter größerem Leistungsdruck.

00:32:22: Dementsprechend sind heute andere Drogen angesagt als damals.

00:32:25: Vom Heroin, die heute so etwas lauter drogen ist von den Alten Hier zum Crack und zum Base, die ich aufpowere.

00:32:33: Das Gefühl geht unbesiegbar zu

00:32:34: sein.".

00:32:35: Den Leistungsdruck beobachtet Andreas Traxl jedoch nicht nur bei den Drogenkonsumentinnen sondern ganz allgemein in der Gesellschaft.

00:32:42: Wir waren letzte Morgen unterwegs im Quartier und die Einde sind noch komplett drauf gewesen, offensichtlich siebzehn Stunden durchgelaufen.

00:32:49: Sonntagmorgen mit aller Augen wirklich wahnsinnig verladen.

00:32:53: Und die anderen sind mit ihrem gestellten Körper gut jogen oder ins Fitnesszentrum.

00:32:58: Und wenn es so einen Eindruck gab, ist einfach alles so extrem!

00:33:01: Der lastige Gedanke ist auch eine gesellschaftliche Frage.

00:33:05: Ja und Perspektivlosigkeit?

00:33:07: Ich glaube wir müssen uns halt schon fragen als Gesellschaft Wem geben wir welche Perspektiven?

00:33:15: Weil das macht etwas mit Menschen, ob man eine Perspektive hat oder nicht.

00:33:18: Ich glaube, das ist ganz entscheidend und muss Zukunft und Perspektiv haben.

00:33:32: Eine Perspektiva haben!

00:33:34: Diese Worte klingen noch in mir nach als ich mich verabschiede und nach Hause radle.

00:33:40: Mir ist in der Begegnung mit der Sozialdirektorin Tabitha Gassner und dem Entwicklungspolitiker Mark Herkenrad vor allem eines aufgegangen... nämlich welche Perspektiven mein Soziologie-Studium mir auch noch hätte eröffnen können.

00:33:53: Feldforschung in Südamerika, Chefinsein von tausend Mitarbeitenden ein Engagement für eine gerechtere Globalisierung oder für Menschen in schwierigen Lebenssituationen in der Stadt Zürich.

00:34:07: Das was wäre wenn Spiel ist spannend?

00:34:10: Genauso schön ist es nach den Gedankenreisen in die Realität zurückzukehren.

00:34:15: Ich bin Journalistin geworden und ich liebe das Privileg meines Jobs Mit dem Mikrofon in andere Lebenswelten einzutauchen.

00:34:28: In der nächsten Folge, die auch die letzte ist, besuchen wir das SUZ heute!

00:34:33: Wir sind dabei bei einer Sitzung an der Forschungsgruppe im entscheidenden Moment als ein Doktorand die Resultate seiner laufenden Studie präsentiert.

00:34:42: Nice

00:34:50: stuff!

00:34:55: Und wir sprechen mit einer Forscherin, die zuerst Physik und dann Soziologie studiert hat.

00:35:00: Ja nach drei Jahren Physikstudium dachte ich mir irgendwie habe ich noch Fragen, die

00:35:04: mir die Physik glaube ich nicht beantworten

00:35:06: kann... Die nächste Folge erscheint in einer Woche.

00:35:09: ihr findet sie im Podcastplayer eurer Wahl oder im Netz auf suds.uceta.ch-podcast.

00:35:17: Das ist Weltenblick.

00:35:19: Sechzig Jahre Soziologie in Zürich Ein Podcast im Auftrag des SuZ, der Soziologischen Instituts der Uni Zürich.

00:35:26: Recherche, Produktion und Moderation Christina Caprez Mastering und Sounddesign Christina Baron Dramaturgische Beratung Franziska Engelhardt Musik Blutort Sessions.

00:35:36: Wenn euch unser Podcast gefällt dann folgt uns und empfiehlt uns weiter!

00:35:41: Wir freuen uns.

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